Wie Architekt_innen und Stadtplaner_innen zu Legionären im Ringen um sozialen Frieden wurden.

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von Heidrun Book

Wie ein Phoenix aus der Asche scheint Medellín auferstanden zu sein aus den dunklen Zeiten als ausufernde Gewalt, Entführungen und Mord ihre Bürger in Atem hielten.

Als Heimat des Drogenbarons Pablo Escobar erlangte die kolumbianische Stadt in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts fragwürdigen Ruhm: Sie galt nicht nur als Dreh- und Angelpunkt des Drogenhandels, sondern war gleichzeitig ein Epizentrum des kolumbianischen Bürgerkriegs sowie des mörderischen Konflikts zwischen den mächtigen Drogenkartellen. Unsichtbare Linien, die die Territorien der Banden begrenzten, machten es für alle Bürgerinnen und Bürger lebensgefährlich, die Straße zu überqueren. Als Resultat kam das öffentliche Leben beinahe vollständig zum Erliegen, die sonst so lebensfrohen paisas (traditionelle Bezeichnung für die Einwohner_innen der Region) verließen so selten wie möglich ihr Haus. Beinahe jede_r hat Verluste im familiären Umfeld oder Freundeskreis zu verzeichnen.

Im Jahr 1991 galt Medellín laut UN-Statistik als tödlichster Ort der Welt. Unmöglich schien es, die zweitgrößte kolumbianische Stadt zu befrieden und den jahrzehntelang währenden Konflikten ein Ende zu setzen. Heute jedoch wird Medellín in nationalen und internationalen Medien als verwandelte Stadt gefeiert. Es wird von Wiedergeburt, von Neuerfindung, gar von einem Wunder gesprochen.

Architektur als Instrument sozialen Wandels

Auch noch zehn Jahre nach Escobars Tod in den frühen 1990er Jahren schien Medellín gefangen in einer endlosen Spirale aus Gewalt, Drogen und Mord. Als alle die Stadt verloren glaubten, kam 2004 überraschend ein neuer Bürgermeister an die Macht: Sergio Fajardo, parteilos und aus einer sozialen Bewegung kommend, vertrat den Standpunkt, dass Sicherheit und Frieden nur durch strukturellen sozialen Wandel herbeigeführt werden können. Eine elementare Rolle spielte in Medellín, wo die Schere zwischen Arm und Reich besonders weit auseinanderklafft, die Inklusion der peripheren Armensiedlungen. Und hier setzte Fajardo an: Wie ein Mantra wiederholte er sein Prinzip, den marginalisierten Bewohner_innen der Hänge ihre Würde zurückgeben zu wollen. Sein Instrument: die Baukunst. Das schönste Gebäude der Stadt solle in deren ärmstem Viertel stehen, rief er einmal aus.

Stadtplanung und Architektur sollten genutzt werden, um das Individuum und die Gesellschaft in ihrem Fühlen, Denken und Handeln zu beeinflussen. Der gebrandmarkten Bevölkerung das Gefühl von Wertschätzung und Inklusion übermittelt sowie Verantwortung für ihr urbanes und soziales Umfeld übertragen werden. Gleichzeitig galt es, den öffentlichen Raum sicherer zu machen und den Bürger_innen ihr Territorium, die Straßen, zurückzugeben. Diese Grundlagen, von Fajardo auf den Namen Sozialer Urbanismus gebracht, sind seit 2004 fest in den Regierungsplan der Stadt integriert und beeinflussen noch heute maßgeblich die kommunale Politik und Stadtplanung.

Pläne in der Peripherie: Belén

Kurze Zeit später wird in jedem Winkel der Stadt konzipiert, konstruiert und gebaut. Öffentliche Plätze werden umgestaltet, hochmoderne Bibliotheken und Nachbarschaftszentren gebaut, Brücken gezogen und ganze Siedlungen renoviert. Die Bürger_innen kehren auf die Straße zurück. Und mit ihnen das Leben.

So auch in der Kommune Belén im Südwesten der Stadt. Belén, geprägt von Armut und Kriminalität, ist zu diesem Zeitpunkt ein massiv marginalisierter Ort. Wie so viele von Medellíns Vierteln ist auch Belén informell strukturiert und entzieht sich fast komplett der städtischen Administration und Politik. Weit entfernt und weder gesehen noch gehört fühlen sich auch seine Bewohner_innen, die in einfachsten Verhältnissen leben.

Abwehrend und misstrauisch reagieren sie somit auch, als die Stadt Pläne veröffentlicht, neben einer Bibliothek auch eine neue Polizeistation in der Kommune bauen zu wollen.

Misstrauen und Skepsis

Um die Tragweite des Projekts greifen zu können, ist es wichtig, zu verstehen, dass die kolumbianische Polizei zu dieser Zeit nicht gerade den Ruf des Freund und Helfers innehatte. Zerrüttet durch den Bürgerkrieg und die alles dominierende Korruption ist das Verhältnis von Polizei und Bürger_innen geprägt von gegenseitigem Misstrauen bis hin zur offenen Feindschaft. Nicht selten stecken Polizisten bis zum Hals im engmaschigen Netzwerk der Drogenkartelle und gelten in der Bevölkerung eher als Verbrecher denn als Beschützer.

Das marode Verhältnis von Zivilbevölkerung und Polizei aufzupolieren war Teil des Masterplans von Fajardo: Kleine, lokale Einheiten, die als Bezirkspolizei agieren, sollten die Barrieren zwischen Bürger_innen und Beamten einreißen und sie einander näherbringen. In Belén war mit dem Neubau der Polizeistation nun die Chance gekommen, diese Ideen baulich zu untermauern und Architektur als Instrument zu nutzen, um sozialen Wandel zu initiieren.

Die Baukunst der Transparenz und Offenheit

Der Herausforderung, das negative Image dieses staatlichen Organs durch ihre Architektur neu zu besetzen, stellten sich die kolumbianischen Architekten Carlos M. Rodriguez und John O. Ortiz. Mit dem Ziel, ein offenes, zugängliches und freundliches Gebäude zu erschaffen, das den Bürger_innen nicht den Respekt, wohl aber die Angst und Skepsis gegenüber der Polizei nimmt, entwarfen sie ein simples, doch innovatives Designkonzept.

Während der Kern der neuen Station lediglich ein grauer Betonwürfel ist, wird dessen Härte durch eine durchsichtige Hülle aus roten Metallstehlen aufgebrochen. Sie ist durchscheinend und windet sich um den oberen Teil des Gebäudes. Durch den Abstand der Hülle zum Gebäudekern eröffnet sich eine Galerie, lichtdurchflutet und lebendig durch das Schattenspiel der Stehlen. Die Hülle verleiht dem Gebäude Offenheit, Zugänglichkeit und mehr als nur einen Hauch Modernität. Es scheint keine fest definierten Mauern oder Barrieren zu geben – vielmehr wirkt die Polizeistation wie ein offener Raum im öffentlichen Raum.

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Das leuchtende Rot der Hülle, das die Bürger Beléns selbst auswählten, hebt sich deutlich vom tiefen Grün der Bäume, dem dunklen Grau der Berge und dem meist tiefblauen Himmel ab, der sich über die Stadt des ewigen Frühlings spannt. Mit Einbruch der Dunkelheit verwandelt sich die Polizeistation in eine rote Laterne, von weither einsehbar und von den Anwohner_innen Caja de la luz (Lichtbox) getauft.

Die räumliche Eingliederung der Station in die Kommune soll eine natürliche Interaktion und Annäherung zwischen Bürger_innen und Polizeibeamten herstellen. Ihre zentrale Lage und die direkte Nachbarschaft zu einem Fußballplatz sorgen dafür, dass die Anwohner_innen das Polizeigebäude permanent passieren. Das Gebäude wird zum organischen Bestandteil des Alltags anstatt als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. Dass die Bürger ihr den Namen Lichtbox verliehen haben, spricht dafür, dass der Plan aufgegangen ist. Die Station der vormals verhassten Polizei wird als warmer, symbolischer, und lichtspendender Ort wahrgenommen. Und eine Lichtquelle hat auch immer etwas Beschützendes an sich.

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Auf einem guten Weg

In der Masse der Projekte, die unter dem Schirm des Sozialen Urbanismus-Programms verwirklicht wurden, geht die Polizeistation unter. Das Ausmaß der urbanen Neuerfindung Medellíns ist weltweit einzigartig. 29 Bibliotheken mit angeschlossenen Gemeinschaftszentren wurden gegründet, über 100 Schulen gebaut, Hangsiedlungen durch Rolltreppen und Seilbahnen an die Stadt angeschlossen, Müllhalden in Parks verwandelt – die Liste ist unendlich.

Ende März dieses Jahres wurde Medellín der Lee Kuan Yew World City Prize, auch Nobelpreis des Urbanismus genannt, für innovative, integrative und nachhaltige Stadtentwicklung verliehen. Die Stadt bahnt sich ihren Weg in hippe Reiseführer und Hochglanzmagazine. Doch auch Drogenhandel und Schießereien gibt es noch. Ebenso wie Zweifel an der tatsächlichen Auswirkung, die die High-Tech-Projekte auf das Leben der sozial Schwachen hat. Medellín hat noch einen langen Weg vor sich, um eine inklusive und friedliche Vorzeigestadt zu werden. Doch Projekte wie dieses zeigen, dass das Konzept des Sozialen Urbanismus aufgehen kann.

Heidrun Book ist studierte Kulturwissenschaftlerin. Normalerweise ansässig in Berlin, wohnt die 25-Jährige derzeit in Melbourne, wo sie im Bereich community building durch Architektur/Design und als freie Journalistin arbeitet. Seitdem sie 2014 während eines Besuchs in Medellín auf den Wandel der Stadt aufmerksam wurde, ließ das Thema sie nicht mehr los und sie untersuchte das Konzept des Sozialen Urbanismus im Rahmen ihrer Bachelorarbeit. Kontakt: heidrun.book[@]gmail.com, Fotos: El Plan Z Arquitectura