Ob Berlin-Hellersdorf, Duisburg-Marxloh oder Hamburg-Billstedt – fast keine deutsche Stadt, in welcher nicht mindestens ein Viertel als „sozialer Brennpunkt“ bezeichnet wird. Prof. Andreas Thiesen sieht diese vermeintlichen Brennpunkte so nicht und schreibt über einen gestrigen Begriff und seine aktuelle Rolle in der sozialen Stadtentwicklung.

von Andreas Thiesen

Die Sozialarbeiterin aus der örtlichen Kindertagesstätte informiert: »Wir befinden uns hier in einem sozialen Brennpunkt, in dem 21 verschiedene Nationen leben. Das bleibt natürlich nicht immer konfliktfrei.« Einvernehmliches Nicken in der Runde der Sozialexperten. Der teilnehmende Beobachter, der ich in diesem Moment bin, fragt überrascht nach: »Was genau lässt Sie zu dem Schluss kommen, in einem sozialen Brennpunkt zu arbeiten? Mein Eindruck ist, dass die Designer längst da sind. Gut essen kann man hier auch, vor allem spanisch.« Die Sozialarbeiterin bringt zur Beweisführung einige Beispiele kleinerer und größerer krimineller Delikte. Ich wende ein, bei »sozialen Brennpunkten« eher an die französische Banlieue der 1990er Jahre denken zu müssen, an Riots oder an Autos, die in Flammen aufgehen. Aber dieser Stadtteil hier in Innenstadtlage? Eine Kollegin eilt schließlich zur Hilfe: Es gäbe da interne Indikatoren und die würden voll erfüllt. Ich wage einen letzten Versuch, erzähle von meinem eigenen Stadtteil. Innerhalb weniger Wochen hatte zunächst ein Drogenabhängiger in der Nachbarsgarage übernachtet und ein kleines Feuer entfacht. Kurz darauf wurde der Lack der SUVs anderer Nachbarn zerkratzt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, in diesem Fall von einem Brennpunkt zu sprechen. Mein Stadtteil gilt als gehobene Wohnlage – trotz brennender Garagen und Vandalismus. Es ist sinnlos: Je stärker ich an der Schlüssigkeit der Argumente meiner Gesprächspartnerinnen zweifele, desto vehementer verteidigen sie ihren sozialen Brennpunkt.

Doch da ist kein Feuer, nirgends. Und der Punkt ist in Wahrheit eine Fläche. So oder ähnlich dekonstruierte einmal eine Konferenzteilnehmerin den sozialen Brennpunkt. Ein Begriff, der eigentlich längst abgelöst wurde, sei es durch die Formulierung »sozial benachteiligter Stadtteil« oder – wie im Fall des Städtebauförderprogramms »Soziale Stadt« – durch den Appendix »mit besonderem Entwicklungsbedarf«. Diese Form der »affirmative action«, der positiven Diskriminierung, erinnert an die semantische Metamorphose, die der ehemalige Gastarbeiter erlebte, als er vom Ausländer erst zum Migranten, später zum Menschen mit Migrationshintergrund und dann zum Postmigranten befördert wurde – ohne dass diese Entwicklung den deutschen Rassismus wirklich erschütterte (siehe aktuelle Ergebnisse der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und der Kommunalwahlen in Niedersachsen). Und ebenso wenig werden Reparaturarbeiten an einem Stadtteilimage und Investitionen in den Mythos einer spannenden Stadtteilgeschichte das Leben der Menschen verbessern.

Auf die Etikettierung von außen folgt nicht selten die Selbstetikettierung von Jugendlichen, die in Youtube-Clips ihrer eigenen Postleitzahl huldigen. Ein administrativer Code, der es ihnen zugleich vielerorts schwer bis unmöglich macht, einen Ausbildungsplatz zu finden. Dabei muss klar sein, dass es keine sozialen Brennpunkte gibt. Sie sind das Ergebnis normativer Bewertungsmaßstäbe von Stadtentwicklung. Was es gibt, sind Stadtteile mit sozialen Problemen, hoher Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Doch das ist etwas anderes. Die sozialräumliche Selbstwahrnehmung kann durchaus von der Außensicht abweichen. Wer sich einmal für eine längere Zeit in so genannten Brennpunkten bewegt hat, weiß um den Zusammenhang von Auge und Betrachter. Dass »Brennpunkt« nun vielerorts wieder die gängige Formulierung praktizierender Sozialarbeiter und Stadtplaner ist, lässt jedoch nicht nur sprachliche, sondern auch konzeptionelle Hilflosigkeit erkennen. Denn die, die meinen zu wissen, wie »Problemviertel« ticken, bauen auf ein rissiges Fundament. Sie reproduzieren Labels wie »Neukölln« oder »Marxloh« und gießen Öl ins Feuer, in der Hoffnung, der Brennpunkt möge sich als Hot Spot entpuppen. Sie betreiben Stadtmarketing statt Stadtentwicklung, sofern es da überhaupt noch einen Unterschied gibt.

Das Problem ist nicht der schlechte Ruf eines Stadtteils, das Problem ist der Ruf selbst! Und es geht auch nicht um Political Correctness und eine möglichst zuschreibungsfreie Sprache, sondern um die verquere Analyse: In der sozialen Stadtentwicklung wird seit jeher auf Konzepte zurückgegriffen, die den lokalen Raum überhöhen. Die Identifizierung der Bewohner mit ihrem Wohnumfeld und das Reframing des Stadtteilbildes genossen immer Priorität. Das ist heute nicht anders, auch wenn das angeschlagene Image eines Stadtteils angesichts des nicht ablassenden Immobilienbooms Menschen auch Schutz bieten kann. In der Praxis laufen die von Architekten, Stadtplanern und Sozialarbeitern angestoßenen Bemühungen, neben der baulichen Erneuerung eine »Durchmischung« der Nachbarschaften zu erreichen, allerdings häufig auf eine rein symbolische Aufwertung hinaus. Durch die Kommunikation künstlicher Dynamiken (»Stadtteil XY ist aktiv«, »Ein liebenswertes Quartier«, »Hier hilft man sich« etc.) fordern sie Anwohner auf, diese Aufbruchstimmung zu teilen. Dabei gerät rasch aus dem Blick, dass insbesondere Bewohner mit Migrationserfahrung bereits über transkulturelle Bewältigungsstrategien verfügen. Die Arrival City (Saunders) verkörpert nämlich in erster Linie ein liberales Glücksversprechen – Ankommen, Geld verdienen, gutes Leben – nicht den Wunsch nach »Heimat«. In vielen Stadtteilbüros ist es daher längst ein offenes Geheimnis, dass sich an öffentlichen Angeboten – vom Frühstückstreff, über das Gesundheitsangebot bis zum Gesangsabend – für gewöhnlich ältere, alteingesessene Bewohner beteiligen.

In gleichem Maße wie Menschen ihre Lebensentwürfe heute widersprüchlich und zugleich vielfältig gestalten (müssen), ist auch der Raum im Fluss. Seine Transformation nimmt unaufhaltsam zu, während die Bedeutung der unmittelbaren Nachbarschaft für die kulturelle Identitätsentwicklung bedingt durch digitale Welten, soziale Beschleunigung und globale Migration schwindet. Sollten Bürger des Leipziger »Waldstraßenviertels« zu einem anderen Eindruck kommen, wenn sie vor ihre Tür treten, hat das damit zu tun, dass sie über Optionen verfügen, die über ihren Stadtteil hinausreichen, Nachbarschaft also nicht verklärend als Rückzugsort verstanden wird. Dass Bewohner aus Leipzig-Grünau, der größten Plattenbausiedlung der Stadt, ebenfalls widersprechen, liegt hingegen daran, dass sie in ihrer Lokalität seit jeher durch Sozialprogramme bestärkt wurden – obwohl (nicht weil!) sie vom sozialen Wandel überholt wurden.

Doch mit welchem Recht verweisen wir Menschen mit eingeschränkten Zukunftsperspektiven auf ihren Stadtteil? Mit Bewohnern »benachteiligter« Quartiere werden Müllsammelaktionen geplant, deren tugendhafter Imperativ kaum zu übersehen ist. Haben wir keine besseren Angebote? Jugendliche bieten die ewig gleichen Breakdance-Choreographien dar, während ihre Mütter auf Stadtteilfesten »typisches« Essen aus ihren »Heimatländern« zubereiten. Von der Frage einmal abgesehen, ob jene Protagonisten von sich aus den Wunsch äußern, sich derart zu beteiligen oder zuvor von Sozialarbeitern »aktiviert« wurden, besteht die konzeptionelle Doppelbödigkeit darin, dass wir den als benachteiligt identifizierten Menschen in als benachteiligt identifizierten Stadtteilen nicht mehr zugestehen als die Identifizierung mit ihrem Stadtteil. Oder anders ausgedrückt: Wir stehen ihnen nicht das gleiche zu wie uns selbst – sozialräumliche Wahlfreiheit! Die Verknüpfung kleinräumiger Typologien mit Fragen der kulturellen Identität, die im Begriff des sozialen Brennpunktes ihre Zuspitzung findet, erschöpft sich im schwachen Argument für einen sozialräumlichen Wettbewerb. Der funktioniert innerhalb einer Stadt genauso gut wie im internationalen Vergleich: Gemessen am Westend sind die meisten anderen Frankfurter Stadtteile Brennpunkte. Neukölln strahlt, während Molenbeek versinkt.

Welche Schlüsse lassen sich aus dieser kurzen Analyse ziehen? Allen künftigen Stadtentwicklungskonzepten muss zunächst einmal eine translokale Wende vorausgehen, wollen sie ihren Anspruch auf Zukunftsfähigkeit einlösen. Dazu zählt eine flexible und offene Raumvorstellung, die über administrative Quartiersgrenzen hinausweist, eine reflexive Sprache, deren Sprecher sich der Wirkungsmacht ihrer diskriminierenden Einschreibungen bewusst sind und nicht zuletzt eine ergebnisoffene Haltung, die sich von den Planungsutopien vergangener Dekaden verabschiedet und vor allem eines beherzigt: denen zuzuhören, die per definitionem nie eine Chance hatten, sozialen Brennpunkten zu entfliehen.

thiesen_andreas-620x412
Andreas Thiesen ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialer Raum an der HTWK Leipzig. Die Forschungsschwerpunkte des 36-Jährigen sind unter anderem Stadt- und Diversitätsforschung, an der HTWK widmet er sich am liebsten ethnografischen Lehr- und Forschungsprojekten in unterschiedlichen Lepiziger Stadtteilen. Kürzlich hat er das Buch Die transformative Stadt – Reflexive Stadtentwicklung jenseits von Raum und Identität veröffentlicht. (Foto: Andreas Schröder/HTWK Leipzig)