Ein Essay über Besonderheiten der politischen Kultur in ländlichen Regionen und das Verhältnis zum Großstadtleben

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von Matthias Quent

Migranten und Geflüchtete zieht es vor allem in die Metropolen. Einwanderer finden dort sprachlich, kulturell und religiös schneller Anschluss als in ländlichen Regionen, zudem leben in den Städten oft bereits Bekannte oder Verwandte. Hinzu kommt, dass in multikulturellen Großstädten Einwanderern weniger Feindschaft entgegenschlägt; Brandanschläge auf Asylunterkünfte sind vor allem in kleineren Städten und Gemeinden traurige Realität. Immer wieder wird diskutiert, ob die Unterbringung von Geflüchteten in leerstehenden Wohnungen auf dem Land die ungelöste Unterbringungsproblematik in den Städten lösen und der Entleerung ländlicher Räume entgegenwirken könnte. Doch welche politische Kultur wartet dort? Und in welchem Verhältnis steht diese zum Städtischen?

Dorfgemeinschaften und ihre spezifische politische Kultur sind höchst interessant. Die wohl vielschichtigste und anschaulichste Milieureportage über das Dorfleben der letzten Jahre ist keine Studie, sondern ein Roman – Juli Zehs „Unterleuten“. Der gleichnamige fiktive Handlungsort liegt in Brandenburg, keine hundert Kilometer von Berlin entfernt, doch könnte sich die Gemeinde, wie Zeh schreibt, „genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden“. Denn: „Unterleuten war das reinste Panoptikum. […] Man musste nur ein handelsübliches Dorf besuchen, um zu verstehen, was der gläserne Mensch tatsächlich war.“ Das „Dorfauge“ prägt das Miteinander. Die Menschen kennen sich, sie können die anderen einschätzen und haben klare Erwartungen darüber, wie das Zusammenleben zu funktionieren hat. Manche schätzen am Landleben genau das. Dieser Anpassungsdruck wirkt verhaltensregulierend. Je nachdem, wie die politische Kultur vor Ort beschaffen ist, kann dies im besten Fall dazu führen, dass in kleinen Gemeinden eine beeindruckende Willkommenskultur entsteht. Im schlimmsten Fall kann das heißen: Die kulturelle (nicht quantitative) Dominanz von Rassismus in der politischen Kultur oder in der Jugendkultur ist kaum zu brechen.

Die Dichotomie von Stadt und Land polarisiert seit Jahrhunderten. Sie steht für Gegensätzlichkeiten wie Fortschritt und Tradition, Wissenschaft und Religion, Aufklärung und Mythos, Profession und Improvisation, Liberalismus und Konservatismus, Pluralismus und Homogenität und sogar Kommunismus und Nationalsozialismus: Im Manifest der kommunistischen Partei schreiben Marx und Engels, die Industrialisierung habe einen großen Teil der Bevölkerung aus dem „Idiotismus des Landlebens entrissen“. Für die Nationalsozialisten dagegen galt: „Landflucht ist Volkstod“. Die Nazis hofierten die Landbevölkerung, weil diese die Wählerbasis der NSDAP bildete. Der amerikanische Soziologe Seymour Martin Lipset analysierte Ende der fünfziger Jahre in Hinblick auf die Reichstagswahl 1932, „daß mit zunehmender Größe der Stadt der Anteil der nationalsozialistischen Stimmen abnahm.“

Nach dem Nationalsozialismus galt dem Sozialphilosophen Adorno die „Entbarbarisierung des Landes“ als eines der wichtigsten Erziehungsziele. Aktuelle Studien belegen: Die Sozialstruktur und die politische Kultur in ländlichen Regionen sind noch immer ein Einfallstor für Rechtsextremismus. In vielen Dörfern Ost- wie Westdeutschlands bestehen Dominanzräume rechtsextremer Jugend- und Subkultur. Dies liegt auch an der zunehmenden Urbanisierung und der damit einhergehenden Entleerung, der Überalterung und dem Rückbau von Infrastruktur in ländlichen Regionen. Hier nehmen die Gründe dafür zu, dass sich die Bewohnerschaft als „abgehängt“ wahrnimmt. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte kürzlich: Die regionale Ungleichheit in Deutschland „verfestigt sich oder nimmt sogar noch zu. Einzelne Regionen befinden sich in einem Teufelskreis aus Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung.“

Die demografische Frage ist also eng verbunden mit der demokratischen. Das Abdriften von Regionen kann zum Verlust qualifizierter Menschen führen, die dann fehlen, um lokale Betriebe und Facharbeiterstellen zu übernehmen oder das Vereins-, und Freizeitleben zu pflegen. In der Gemeinschaft der Unterzähligen entstehen nun neue Integrationsräume für unterschiedlichste Akteure mit diversen Zielen. Die Menschen, die zurückbleiben, fühlen sich abgehängt und von der etablierten Politik der „arroganten“ Städter im Stich gelassen. Sie meinen: „Die Rechten tun wenigstens was für uns.“ Wo staatliche, demokratische und öffentliche Strukturangebote (zum Beispiel Jugendtreffs, Freizeit- und Kulturangebote, Sozialberatung, Winterdienst) im Zuge kommunaler Haushaltskrisen und der Entleerung von Landstrichen zurückgefahren werden, präsentieren sich Rechtsextreme vielerorts erfolgreich als Kümmerer. Als Folge schießen die Wahlergebnisse für rechtsextreme Parteien in die Höhe.

Solche Vorgänge resultieren nicht selten aus realen Erfahrungen und daraus, dass Landbewohner sich als kulturell und moralisch erniedrigt erfahren – gleichsam als rückständige ‚Barbaren‘, wie im Zitat von Adorno. Auch die moderne Populärkultur ist davon alles andere als frei: Die populäre RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“ zum Beispiel lebt davon, Landwirte als Landeier zu verunglimpfen oder wie der frühere Bauernpräsident Sonnleitner sagte: „Die [Bauern] werden als einsame Trottel präsentiert, die nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen.“ Überheblichkeit gegenüber Menschen aufgrund ihres sozialen oder lokalen Hintergrundes kann als Reaktion bei den Betroffenen zur Verfestigung menschen- und demokratiefeindlicher Überzeugungen führen. Das hat niemand besser beschrieben als der Songwriter Randy Newman in seinem Lied über „Rednecks“, die ungebildete weiße Landbevölkerung in den US-Südstaaten, die mehrheitlich durch konservativ-illiberale, intellektuellen- und fremdenfeindliche Ansichten geprägt ist. Im Song wird der rassistische US-Gouverneur Maddox in einer Talkshow von „some smart-ass New York Jew“ bloßgestellt und vom Publikum ausgelacht. Die Reaktion der Rednecks: „Well, he may be a fool but he’s our fool, If they think they’re better than him they’re wrong.“ Gegen die Schnösel aus der Stadt hält man eben zusammen.

Je enger die Netzwerke des sozialen Umfeldes sind, desto höher ist der Anpassungsdruck. Konformität wird belohnt, gegenüber Andersartigkeit und Unbekanntem herrschen häufig Misstrauen und Intoleranz. Konflikte werden vermieden. Oft wendet sich die lokale Hegemonie dementsprechend gegen Neues, gegen die Aufnahme von Dazukommenden in die Dorfgemeinschaft und gegen Veränderungen überhaupt. Für Abweichende kann dies Stigmatisierung, Ausschluss, sogar Bedrohung und auch Gewalt bedeuten. Pluralismus und zivilgesellschaftlichem Engagement wohnt das Potenzial inne, sich kritisch mit Missständen innerhalb des direkten Umfeldes auseinanderzusetzen – die Homogenität in kleinen Gemeinschaften kann dies verhindern. Im Alltag vieler Dörfer und Kleinstädte geht es bei der Unterbringung von Geflüchteten oder im Umgang mit Neonazis selten um die großen Fragen von Globalisierung und Fluchtursachen, internationale Beziehungen und Europapolitik oder um Menschenrechte und Humanität. Vielmehr scheint für die Menschen bedeutsam, ob sie beispielsweise samstags weiterhin mit freiem Oberkörper den Rasen mähen können, wenn nebenan vollverschleierte Frauen wohnen. Ganz zu schweigen von der Status- und Privilegienangst vieler Einheimischer in ländlichen Regionen, die Geflüchtete als potentielle Konkurrenten betrachten – erst Recht vor dem Hintergrund des zumindest wahrgenommen Abgehängt-Seins.

Ein hierarchisches Verhältnis besteht in Deutschland nicht nur zwischen Land und Stadt, sondern auch zwischen Ost und West. Diese strukturelle Asymmetrie wird dadurch verstärkt, dass die Mehrheit der Großstädte im Westen liegt. Es ist statistisch nachgewiesen, dass die Zustimmung zur Aussage, man fühle sich als Ostdeutscher als Bürger zweiter Klasse behandelt, die Anfälligkeit für rechtsextreme Einstellungen erhöht. Das heißt: Wer denkt, er werde aufgrund seiner Ost-Herkunft benachteiligt, tendiert eher dazu, auch andere – beispielsweise Menschen aus Einwandererfamilien – abzuwerten. Dass Rassismus und Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern sichtbarer sind, hängt zentral mit der Ungleichheit zwischen Ost und West und der ländlichen Prägung des Ostens zusammen.

Diese Ungleichheit spiegelt sich wider in der unterschiedlichen Kaufkraft, in niedrigeren Einkommen und schlechteren Arbeitsperspektiven – dies wiederum begünstigt die Abwanderung und Entleerung abgehängter Regionen. Diese rücken heute wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit, wenn es beispielsweise um die Unterbringung von Geflüchteten geht. Der Wohnraumüberschuss spielt dabei eine entscheidende Rolle, allein in Sachsen und Sachsen-Anhalt stehen etwa 270.000 Wohnungen leer. Damit der Zuzug Geflüchteter in diese Regionen friedlich gelingen kann, brauchen wir dringend einen neuen Blick auf das Landleben. Die kulturelle, politische, ethnische und soziale Homogenität vieler Dörfer muss aufgebrochen werden – zugunsten einer politischen Kultur, die Spannungen aushält und Wege findet, mit der unweigerlichen Konfrontation verschiedenster Lebenswelten zurechtzukommen. Konflikte sind vorprogrammiert, deshalb ist eines besonders wichtig: Wie eine Kolonialmacht sollte man dabei nicht auftreten.

Dr. phil. Matthias Quent ist Soziologe und Rechtsextremismusexperte. Er leitet in Jena das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft.