Eskapismus hat Konjunktur: überall sprießen Magazine zur Entschleunigung, Bio-Gastronomien und alternative Lebensentwürfe aus dem Boden. Auch Julia Friedrichs gibt sich gern der urbanen Landlust hin. Doch eigentlich weiß sie: Den Problemen unseres heutigen Lebens können wir am Ende doch nie ganz entkommen.

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von Julia Friedrichs

Auch ich habe eine Datsche. Eine steinerne Laube auf 200 Quadratmetern sandigem brandenburgischen Boden, dem ich mit viel Inbrunst ein paar Grashalme entlocke. Den ich mit Hingabe harke, dünge und vertikutiere. Genau wie meine Freunde: während der Woche Architekten, Journalisten, Künstler in Berlin, am Wochenende genauso glückliche Bewohner der Nachbarparzellen. Der eine baut Hochbeete aus Holzpaletten, der andere schwärmt neuerdings für ein orangefarbenes Plaste-und-Elaste-Boot. Es ist wunderschön in unserer Datschen-Kolonie, aber manchmal sitze ich da, am Holzfeuer, und denke:

Wir sind ein Klischee. Wir sind Teil eines Mega-Trends. Wir sind urbane Landlust.

400 Stadtgärten gibt es inzwischen allein Berlin. Das Tempelhofer Feld, die große Freifläche, wird auch von den jungen Menschen (die gleichzeitig über steigende Mieten klagen) wie ein Heiligtum verehrt und gegen jede Bebauung verteidigt. Das „AHOJ“, ein großes Neubauprojekt in Neukölln, das sich an eine etablierte, aber trendbewusste Klientel richtet, wird als urbanes Idyll beworben: mit Bildern von blumengefüllten Weidenkörbchen und Flächen für gemeinsames Gärtnern. Viele angesagte Lokale in der großen Stadt sind eingerichtet wie Landhäuser: massives Holz, grob gewebte Tischdecken, darauf ein schweres Schneidebrett. Das Essen: am liebsten „radikal regional“, wie die Verlegerin Angelika Taschen die neue Szene beschreibt; mit „Sauerampfereis und sortenreinem Rhabarbernektar aus der Privatkellerei“. Oder: wie auf dem Kollwitzmarkt, „da ist eine Tofumanufaktur aus Kreuzberg, ein ganz toller Bäcker, der Frankenlaibe backt, Slow-Food-Brot“.

In den Städten breite sich der Phänotyp des „häuslichen Hipsters“ aus, schreibt das Zukunftsinstitut in einer Kurzstudie. Junge Menschen, die einen Widerspruch leben: Sie strömen in die großen Städte, nähren aber in ihrem Innern ein Klischee des Landlebens. Das Land werde als Landhaus-Idylle inszeniert und glorifiziert, heißt es, „in schönen Bildern einer Sehnsucht: dem hektischen Stadt- und Arbeitsleben entfliehen, um endlich dem ‚wirklichen Leben’, den Genüssen der Natur und der kreativen Hausarbeit entschleunigt zu frönen“.

Berlin-Mitte, Auguststraße, Flaniermeile der Avantgarde. Wer das Phänomen der neuen urbanen Landlust erkunden will, beginnt am besten hier, im „Do you read me?!“– kein Zeitschriftenkiosk, sondern eine kuratierte Boutique für Magazine und Lektüren der Gegenwart. Wer hier eintritt, steht unter gut aussehenden Menschen, die in Magazinen blättern oder sich in einem edlen Periodikum festgelesen haben. Hier gibt es Zeitschriften zu kaufen, die von der Sehnsucht junger Großstädter erzählen: gedruckt auf dickem Papier, matt in der Farbgebung, erdig im Look, heißen sie „Oak“, die Eiche, „Cereal“, das Getreide, „Escape“, die Flucht, und „Weekender – das Magazin für Einblicke und Ausblicke“. Sie alle predigen das Einfache, das gebremste Leben, loben die vergessene Kunst des Papierschnitts, das meditative Zeichnen von Schmetterlingsflügeln, die Makrofotografie von Kakteenblättern. Erzählen Aussteigergeschichten im Dutzend, wie die von einem Paar, das seine Großstadtwohnung verlässt, um in der Mojave-Wüste in Kalifornien unter schlichten Bedingungen zu leben.

Die Verkäuferin – hübsch wie ihre Kunden – sagt, fast jede Woche kämen jetzt neue Hefte wie diese auf den Markt, europaweit. In Polen, in Skandinavien, in Großbritannien oder den Niederlanden: Look und Themen seien überall die gleichen. Und zwar nicht nur in der Nische: Auch die Massenverlage drucken Magazine in Reihe, die vom Ausstieg aus der hektischen Großstadt-Gegenwart in eine vermeintliche ländliche Idylle erzählen: Weltflucht-Zeitschriften. Sie füllen die Regale in profanen Kiosken, am Bahnhof, am Flughafen.

„Da, wo auch die Gala verkauft wird“, freut sich eine junge Heftkäuferin, Design-Studentin mit der Mission, Wildkräuter wieder populär zu machen. „Flow – Das Magazin für Achtsamkeit, Positive Psychologie und Selbstgemachtes“ aus dem Verlag Gruner + Jahr zum Beispiel. Sinja Schütte, Chefredakteurin von „Flow“, sagt: „Als uns die Hefte derart aus der Hand gerissen wurden, war ganz schnell klar, dass da etwas Großes brodelt, dass sich da draußen wirklich etwas tut, dass es ein Trend ist, der weit über die Flow hinausgeht.“ Sie meint dasselbe wie die Soziologen des Zukunftsinstituts: Der Verkaufserfolg der Magazine sei bloß die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche verberge sich weit mehr: ein neuer Zeitgeist.

Und so vertieft man sich in die Magazine und spürt ein erstes Unbehagen: Wer die Hefte liest, fühlt sich zurückversetzt in ein Mädchenzimmer aus früheren Zeiten. Alles wirkt sanft und lieblich, viel Handgezeichnetes, kleine Bildchen, Drucke von Blättern und Wolken.

Es gibt kleine Beigaben: ein Ausmalbuch für Erwachsene, darin „zarte Blumen, ein Fink oder gestempelte Sinnsprüche“, Postkarten mit Fotos von Luftballons, Papierdrachen und Teetassen, ein Set aus Mach-dir-keine-Sorgen-Karten für den Nachttisch. Eine heile, warme, ängstliche, ganz und gar apolitische Haltung kommt einem da entgegen. Und man fragt sich: Steckt vielleicht mehr als die profane Sehnsucht nach ein bisschen Grün und Erde hinter dem Trend? Zieht es die neue Jugendbewegung raus aus der Welt, hinein ins kuschelige Heim?

„Eindeutig“, bestätigt Klaus Hurrelmann. Er ist Soziologe und seit zwölf Jahren Autor der „Deutschen Jugendstudie“. „Die Sehnsucht nach einem Rückzugsort, nach Halt, ist ein Charakteristikum der jüngeren Generation. Die jungen Menschen sind einerseits hypermodern, flexibel und leistungsbereit. Gleichzeitig hat eine Mehrheit dieser Generation den tiefen Wunsch nach Erdung.“ Der Bausparvertrag, sagte Hurrelmann, sei unter Jüngeren wieder extrem beliebt. „Wenn wir nach dem Grund fragen, hören wir: Ich möchte später ein Häuschen mit Garten, eine Familie, einen kleinen Hund. Alles sehr biedere Sehnsüchte.“

Das Psychologenteam des Forschungsinstituts Rheingold aus Köln befragte kürzlich in 100 zweistündigen Interviews junge Erwachsene nach ihren Wünschen und Überzeugungen. Das Ergebnis: „Angesichts einer als zerrissen und brüchig erlebten Lebenswirklichkeit sehnt sich die Jugend nach Stabilität. Sicherheit und Kontrolle findet sie in der Flucht in eine abgesteckte, verlässliche Biedermeier-Welt.“ Ob Schrebergarten, Schrankwand oder Beamtenlaufbahn: „All das, was die Jugendlichen der siebziger Jahre noch aufbrachte, was ihnen Symbol einer bornierten, betonierten Welt war, wirkt in den Augen der Jungen heute begehrenswert.“ Das sagt der Studienleiter Stephan Grünewald. „Das Lebensgefühl, mit dem die Jüngeren aufgewachsen sind, ist ein ganz anderes: Früher wirkte die Welt vernagelt, heute ist sie instabil.“

Man habe es, sagt die Soziologin Cornelia Koppetsch, Autorin des Buches „Die Wiederkehr der Konformität“, seit einigen Jahren mit einem „neuen Mentalitätstypus“ zu tun, dem sich immer mehr Menschen öffneten. Und sie ist überzeugt: „Bei den Wertvorstellungen findet ein Rückzug aus dem öffentlichen Leben statt. Die Mentalitäten des neuen Jahrhunderts weisen mehr Ähnlichkeiten mit der Moral der fünfziger und sechziger Jahre auf als mit der postmodernen Vielfalt der achtziger Jahre.“

Hinter den Zitaten verbirgt sich, was eigentlich zählt: das Leben vieler Einzelner, die auf erstaunliche Art ähnlich denken. Es sind Menschen wie Amber Riedl. Sie ist ein zartes Wesen in hauchdünner Seidenbluse, die langen braunen Haare fallen glatt. Amber ist Mitte 30. Sie hat in Kanada Politikwissenschaften studiert. In ihrem ersten Job bei Transparency International wagte sie sich vor in die Untiefen unserer beschädigten Welt und half, Korruption aufzudecken. Heute macht Amber Riedl etwas anderes: Sie bietet Näh-, Strick- und Häkelkurse im Internet an. Und, als smartes Extra für ihre jungen Kundinnen: Pappboxen, in denen alles bereitliegt, was man braucht, um sich spontan Pulswärmer zu stricken, ein Sommerkleid zu nähen oder ein Stoff-Meerschweinchen zu basteln, das „Flow“ begeistert abdruckte.

Jede der Weltflucht-Zeitschriften singt das Loblied der Handarbeit: stricken, nähen, häkeln, backen, kochen, genau wie gärtnern und einkochen, reparieren und schmücken. Die Handarbeitsbranche wächst.

„Viele unserer Kundinnen suchen die Handarbeit als Beruhigungsfaktor, um sich für einen Augenblick aus der Welt zurückzuziehen“, sagt Amber Riedl. „Sie haben das Gefühl: Mir fliegt alles um die Ohren. Ich kann so wenig bewirken. Wenn ich aber ein Nähprojekt habe, dann weiß ich, es hat einen Anfang und ein Ende. Ich weiß, wo ich stehe und wann ich fertig bin.“

Sie zeigt Leserbriefe: „Ich hatte nach mehreren Jobs in Werbeagenturen als Kommunikationsplanerin einen Burn-out. Ich musste aufhören zu arbeiten. Die Therapeutin riet mir, etwas mit den Händen zu machen. Ich buk Brot, kochte Marmelade, spielte ein Instrument und fing dann wieder an zu nähen.“

Oder: „Nach außen hin immer hilfsbereit, gut gelaunt und mit einem Scherz auf den Lippen, ist hinter der Fassade bei mir doch ziemlich vieles, was vor sich hin brodelt, mich beschäftigt, mir Sorgen macht. Ich genieße die Ruhe, die das Spinnen am Spinnrad mir gibt.“

Laura Roschewitz, Ende 20, halblanges blondes Haar, könnte man auch eine Nachwuchs-Entschleunigungsforscherin nennen: Für ihre Abschlussarbeit im Fach Wirtschaftspsychologie hat sie 600 Menschen aus Städten und aus ländlichen Regionen befragt, ob sie unter Zeitnot litten. 80 Prozent sagten: „Ja“. Die Hälfte der Befragten wollte das eigene Leben dringend ändern. „Es gibt eine Sehnsucht danach, Urbedürfnisse ernst zu nehmen“, sagt sie. Nun ist sie nicht nur Forscherin, sondern eine, die genau das wahr gemacht hat: Sie hat ihr Leben geändert. Von Hamburg-Volksdorf fährt sie in ihrem alten VW-Bus über immer einsamer werdende Straßen in den Wald, an den Rand des Moores, in ihr neues Zuhause. 16 Siedlungshäuser stehen hier, jedes birgt vier Wohneinheiten. In den dreißiger Jahren errichtet, waren die Häuser von Beginn an für Selbstversorger konzipiert: Die Wohnungen sind eng, aber zu jeder gehört ein großer Nutzgarten, Hühner- und Kaninchenställe. Im Sommer hat sie den Mietvertrag unterschrieben: 49 Quadratmeter, 530 Euro warm. Dafür bekäme sie in der Stadt gerade mal ein Zimmer. Ihr Leben spielt sich jetzt weit weg von all den Bars ab, die ihr einmal so wichtig waren. Die meisten ihrer Nachbarn sind Rentner. Eine alte Dame, die seit 44 Jahren hier wohnt, wundert sich: „Mein Gott, Mädchen, was willst du hier draußen?“ Sich niederlassen, ankommen, Gemüse anbauen, Hühner züchten, die Weite spüren, sagt Laura. Sie ist ausgestiegen und will nun ein Landleben führen, das der Erzählung ländlicher Idylle in den Zeitschriften ähnelt, die man in der Stadt ebenso wie auf dem Land kaufen kann, das aber mit der realen Gegenwart in den meisten Dörfern der Provinz wenig zu tun hat: einfach und entbehrungsreich. Sie will Dinge mit den eigenen Händen erledigen, sich selbst versorgen. Wenn sie in die Stadt zurückkehrt, fragt sie sich oft: Was machen die hier eigentlich? „Wie Ameisen sausen wir von A nach B um Arbeit, Kinder, Konsum zu timen, wir sind auf Trab, um bloß nicht zur Ruhe zu kommen.“ Das moderne Leben kommt ihr vor wie eine gigantische Beschäftigungsmaßnahme, die die dröhnende Leere im Inneren der einzelnen Individuen überbrüllen soll. Unsere Welt sei krank, findet Laura. „Die Klamotten, die wir tragen, die Autos, die wir fahren, die Dinge, die wir essen, die Berufe, die wir erschaffen haben, Berufe, in denen man 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeitet und dann kein normales Leben mehr meistert. Weshalb man die Wäsche in die Wäscherei bringt, das Essen nur noch ‚to go‘ holt, die Wohnung von der Putzfrau saubermachen lässt.“ Wer diese Welt verändern will, findet Laura, muss sich zwangsläufig von ihr entfernen.

Sie hat Recht und irrt zugleich. Ja, es fehlt vielen genau an dem, was Laura am Rande des Moores findet: einen bezahlbaren Platz und Ruhe, sich von der lärmenden Wirklichkeit und dem allgegenwärtigen Zugriff des Marktes zurückzuziehen. Aber die wenigsten tun den Schritt und steigen aus dem schnellen Takt der Großstadt aus, der ja längst auch in die Provinz hineinwirkt. Ihr Rückzug ist allenfalls einer in Gedanken und ändert nicht die Welt, sondern dient der eigenen Seelenkosmetik. „Und wie liest du die Zeitung?“ hieß ein Text in der dritten Ausgabe der „Flow“. Darin beklagt die Autorin, dass sie nach der Lektüre von Artikeln, die von außerhalb des „Flow“-Kosmos handeln, stets „gedämpfter Stimmung“ sei: „Amokläufe, Erdbeben und der Dow-Jones-Index auf Talfahrt. Egal welche Zeitung man aufschlägt, sofort sind wir mit beängstigenden, brutalen oder traurigen Nachrichten konfrontiert“, beschwert sie sich. „Auch wenn wir eigentlich fröhlich und entspannt mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch sitzen.“ Ja, und auch über Kämpfe, Kriege und Seuchen, über Tote in der Adria und Morde des IS wird ständig berichtet, ließe sich die Klage erweitern. Die Flow-Autorin rät, diese negativen Seiten des Lebens zu übertünchen und in einem Heftchen nur glückliche Momente zu notieren: „Ich hatte ein schönes Gespräch mit meiner Freundin; meine Tochter hat eine Zwei in Erdkunde; ich bin froh, dass ich gesund bin“, könne man da eintragen.

Wer solche Artikel liest, kann plötzlich genug kriegen von all den Anleitungen zur Weltflucht. Die Sehnsucht nach Ruhe und Idylle in allen Ehren: Es ist zynisch, den Opfern von Gewalt vorzuhalten, sie mögen doch aufhören, uns mit ihrem Sterben zu belästigen. Ist es nicht wie bei Kindern, die die Augen zudrücken und hoffen, die Schrecken mögen verschwinden? Ja, unsere Welt ist komplex, die Probleme ausufernd, die Lösungen fern. Aber wir müssen uns ihnen stellen. Abhauen gilt nicht! 50 Meter von unserer Datschensiedlung entfernt erhebt sich übrigens der erste Plattenbau-Riegel. Dahinter duckt sich ein Netto-Markt. Zur S-Bahn schafft man es zu Fuß in weniger als zehn Minuten. Zurück in die laute, komplizierte, schmutzige Wirklichkeit ist es nicht weit. Zum Glück.

Julia Friedrichs studierte Journalistik in Dortmund und Brüssel. Sie ist Autorin von Sachbüchern, Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen, vor allem für die ZEIT. Mit der Sehnsucht der urbanen Jugend nach einer ländlichen Idylle begann sie im Rahmen einer Recherche für die ZEIT, auf der auch dieser Text beruht. Das es sich dabei um Klischees handelt, die wenig mit der ländlichen Realität gemein haben, weiß sie genau: sie ist in der münsterländischen Provinz aufgewachsen.