Jürgen Bürgin hält in seinen Bildern Bewegungsmomente in der Stadt fest – und kreiert so Ausgangspunkte für spannende Geschichten.

 

Stadtaspekte: Auf deinen Fotos hältst du unter anderem Menschen beim Einsteigen in Busse und Taxen fest. Was fasziniert dich an diesem Moment so sehr?

Jürgen Bürgin: Das ist zum Einen ein günstiger Moment zum Fotografieren: Menschen warten, bis sie in einen Bus einsteigen können, sind konzentriert, blicken zum Fahrer, versuchen herauszufinden, ob das der richtige Bus ist und so weiter; aber vor allem ist es ein Moment, der potentieller Ausgangspunkt für Geschichten ist. Wo fährt die Person hin – zur Arbeit, zum Geliebten, zum verhassten Ehemann, zum Friedhof oder zum Flughafen? Wir wissen es nicht und haben das Bedürfnis, darüber etwas zu erfahren.

 

Stadtaspekte: Die Bilder erzählen also die Geschichten der Menschen?

Jürgen Bürgin: Die Bilder sind die Ausgangspunkte dieser vielen unerzählten Geschichten. Sie entfalten sich schließlich in der Fantasie des Betrachters und in jedem entspinnt sich eine individuelle Geschichte, die von den eigenen Erlebnissen und Erfahrungen bestimmt wird. Der Betrachter meiner Fotografien wird damit zur entscheidenden Instanz im kreativen Fluss. Wenn ich die Betrachter meiner Fotografien auffordere, mir diese Geschichten zu erzählen, kommen da manchmal erstaunlichen Dinge heraus, Geschichten die in Richtungen gehen, die ich überhaupt gar nicht im Kopf hatte.

 

Stadtaspekte: Du hast bereits Fotos in Berlin, New York, Chicago und weiteren Städten gemacht. Was bedeutet Mobilität für deine Arbeit als urbaner Fotograf?

Jürgen Bürgin: Ich fühle mich in den Städten, in die ich reise, mittlerweile kreativer als zu Hause in Berlin. Es ist der Blick auf das Andere, das Neue und Ungewohnte, der mich motiviert, neue Blickwinkel und Situationen zu finden und fotografisch umzusetzen. Ich liebe es, mich treiben zu lassen, ohne Ziel. Ich liebe es, mich in irgendwelche Busse oder U-Bahnen zu setzen, bis zur Endstation zu fahren und dort auszusteigen und zu sehen, wo man da hingeraten ist. Ich lerne ja eine Stadt und die Menschen, die in ihr leben, nicht wirklich kennen, wenn ich da für fünf Tage bin. Aber eine solche Fahrt in die Vororte erzählt mir häufig mehr über das Leben in den Städten als eine Tour durch die Innenstadt.

 

Stadtaspekte: Reisen an sich ist also eine starke Inspiration?

Jürgen Bürgin: Die Reise ist eines der wichtigsten Motive in allen Kunstgattungen – ob bei Odysseus, in den meisten Romanen von Jules Verne, in sämtlichen Roadmovies oder in den Gemälden von Caspar David Friedrich. Auch in der Fotografie gibt es das Genre der Reisefotografie. Die Reise dient als Metapher für das Leben: ihre Darstellungen in der Kunst schildern die Begegnungen mit dem Unbekannten, dem Anderen, dem Fremden. Man denke etwa an die Schilderungen von Abenteuern und Entdeckungsreisen. Die Sehnsucht nach solchen Geschichten steckt tief in uns, sie ist in unserem Inneren verwurzelt.

 

Biografie
Jürgen Bürgin wurde 1971 in Lörrach in Deutschland geboren. Er studierte Germanistik und BWL in Freiburg und schloss sein Studium 1998 als Magister an der Albert-Ludwigs Universität in Freiburg ab. 1999 zog er nach Berlin und begann in der Filmbranche als PR-Manager zu arbeiten. Im Jahr 2009 begann er seine Leidenschaft als Fotograf zu entwickeln und fotografierte seither vor allem in Großstädten, unter anderem in Berlin, Barcelona, Paris, London, San Francisco, Chicago und New York. Im Jahr 2011 wurde er für die Sony World Photography Awards in der Kategorie „After Dark“ nominiert. Einige seiner fotografischen Arbeiten wurden im Herbst 2011 in der Urban Picnic Gallery in der Nähe von London im Rahmen der Gruppenausstellung ‚Life Out Of Balance‘ gezeigt. Seit 2011 unterstützt Bürgin die Pressearbeit des neu gegründeten Kölner Fotografie- und Kunstbuchverlags Ghost Press.

www.juergenbuergin.com