Seit dem 21. März 2014 ist das »Erich Mendelsohn Archiv« online. Über 2700 Briefe geben Einblicke in die Gedankenwelt des Architekten.

von Sven Stienen

»Ich gehe jetzt auf die deutsche Seite, ohne den Boden zu berühren« schrieb Erich Mendelsohn seiner Frau Luise 1937 von der Weltausstellung in Paris. Der Architekt und Vorreiter der architektonischen Moderne war als Jude bereits 1933 vor den Nazis aus Deutschland geflohen und hatte folglich wenig für Albert Speers steinernen Großmachtfantasien übrig. Er sollte nach seiner Flucht nie wieder einen Fuß in seine deutsche Heimat setzen, die er mit dem Einsteinturm in Potsdam oder dem Mossehaus in Berlin städtebaulich schon früh geprägt hatte.

Stattdessen wurde er ein internationaler Kosmopolit, der bis zu seinem Tod 1953 mit Projekten in Palästina, Norwegen, Spanien, England, der Sowjetunion und den USA Weltruhm erlangte. Zeit seines Lebens hatte der vielgereiste Architekt regen Briefkontakt zu seiner Frau Luise gehalten. Erich hatte die Cellistin 1910 durch einen gemeinsamen Freund kennengelernt und sich sofort in sie verliebt. 1915 heirateten die beiden und waren seitdem als Paar innig verbunden. Wann immer sie getrennt waren, schrieben sie sich – teilweise beinahe täglich. So entstand zwischen 1910 und 1953 ein reicher Fundus an ganz intimen Einblicken in das bewegte 20. Jahrhundert aus der Sicht des berühmten Architekten und einer Musikerin.

Über 2700 Briefe im Web-Archiv

Zu lesen sind die persönlichen Geschichten und Gedanken von Erich und Luise Mendelsohn seit dem 21. März im »EMA – Erich Mendelsohn Archiv«. Das Web-Archiv ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Getty Research Institute in Los Angeles und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin mit dem Ziel, die gesamte Korrespondenz in digitaler Form für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Über 2700 Briefe der Mendelsohns lagern seit Jahrzehnten in Berlin und Los Angeles. Im Rahmen der Digitalisierung wurden sie nun erstmals zusammengeführt, transkribiert, ausgewertet und mit Anmerkungen versehen. Editorische Notizen zu jedem Jahr fassen die jeweils wichtigen Ereignisse und Vorgänge des Jahres zusammen. Ein umfangreiches Register ermöglicht sicheres Navigieren durch Personen, Orte und Projekte. Die seitenparallele Ansicht der Faksimiles und ihrer Abschriften macht die Lektüre so leicht, dass man ganz in die Briefe eintauchen kann und dabei das Gefühl hat, Erich und Luise beim Schreiben über die Schultern zu schauen.

Und dabei gibt es einiges zu entdecken. Die Briefe offenbaren Freundschaften, Ansichten zur Kunst oder einfach Anekdoten aus dem ganz normalen Leben.

Zum Beispiel aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, als Erich an der relativ ruhigen Ostfront stationiert war und sich die Zeit mit Gärtnern, Fotografie und dem Zeichnen architektonischer Entwürfe vertrieb. »Die Front ist ruhig, aber mein Salat schießt«, schrieb er 1917. Neben Geschichten und Gefühlen tauschten Erich und Luise auch Naturalien wie Eier und Seife per Post aus. 

Von Wolkenkratzern und Frank Lloyd Wright

Der architektonische Werdegang Mendelsohns lässt sich ebenfalls detailreich nachvollziehen. So ist etwa die Korrespondenz seiner ersten Amerika-Reise 1924 erhalten (siehe dazu auch den Artikel in Stadtaspekte #01), die den tiefen Eindruck erahnen lässt, den die in Amerika zu der Zeit boomende Wolkenkratzer-Architektur bei Mendelsohn hinterließ: »Raumschlacht im Dunkel, im Licht der eingebetteten Straßen. Stoß ins Herz, verloren in solchem Ausmaß – Tragik des Wahnsinnes, wahnsinnige Macht, Raummacht, unendlicher Siegesrausch.«

Während derselben Reise trifft Mendelsohn auch sein Idol Frank Lloyd Wright, mit dem er sich auf Anhieb verbunden fühlt: »Verstehen uns sofort, wie Brüder. Wortandeutungen sind Deutung genug. Wir nähern uns sofort mit Selbstverständlichkeit, sind schnell sprachbeflügelt und erfindend.«

Wir erfahren aber auch von der leidenschaftlichen Liebe zur Musik, die Erich und die Cellistin Luise teilten und die ihn zum Zeichnen und Entwerfen anregte: »Hier Licht, hier Schatten (…) Wie ich mir ein Bild gut vorstellen kann, in dem jeder Halbton – als abgetönte Farbennuance – fehlt, indem nur die Kontraste gegen einander zu wirken haben (…).«  Bei den damals üblichen Kammerkonzerten im privaten Freundeskreis kritzelte Mendelsohn übrigens nicht selten die Programmhefte mit Entwürfen voll, die später dann Eingang in seine Bauten fanden – oft zum Unmut von Luise, die die lauten Zeichengeräusche störten.

Einblicke in die Geschichte des 20. Jahrhunderts

Schließlich bleiben auch die Schicksalsschläge nicht außen vor, die die wechselhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts dem jüdischen Paar bescherte. Die Briefe aus dem Jahr 1933 zeugen in bewegenden Zeilen von den dramatischen Stunden zwischen der Erkenntnis, dass Deutschland sich auf dem Weg in den Abgrund befand, und dem Entschluss, das Berliner Büro aufzugeben und nach Großbritannien zu fliehen.

Was dann folgte, ist heute Architekturgeschichte. In den Briefen der Mendelsohns wird sie lebendig wie nie zuvor – eine spannende Reise in die Vergangenheit, die nicht nur für Architekturfreunde spannend sein dürfte.

Weiteres auf: EMA – Erich Mendelsohn Archiv

Bildnachweis: Alfred Bernheim: Erich und Luise Mendelsohn, um 1935. © Bernheim Collection