Architekturvermittler Riklef Rambow spricht über Experten- und Laienvorstellungen, Tiefgaragenästhetik und die Suche nach einer Architektur, die jeden Geschmack bedient.

Von Aline Löw, erschienen in „Neue Räume – Baukultur in Deutschlands Städten“

Ein Gang durch die Ritterstraße in Berlin-Kreuzberg führt quer durch die Baugeschichte: Auf gründerzeitliche Altbauten folgen ehemalige Industrieareale, Sozialer Wohnungsbau der Nachkriegszeit und Projekte der Internationalen Bauausstellung 1984/87. Nun ist ein neues Gebäude hinzugekommen, das die Gemüter spaltet. Das R50, ein minimalistisches Wohnhaus, entworfen von den Architekten ifau, Jesko Fezer und Heide & von Beckerath, wird in der Fachwelt gefeiert – aber auf der Straße von Passanten skeptisch beäugt.

Stadtaspekte: Wir stehen vor dem Baugruppenprojekt R50, das von einer Fachjury unter die besten 25 Gebäude Deutschlands 2014 gewählt wurde. Wie, denken Sie, würde ein Laie das Gebäude finden?

Riklef Rambow: R50 steht für eine wichtige aktuelle Strömung in der Architektur: für einen radikalen, sozial motivierten Minimalismus, der sich als offen für Aneignungsprozesse versteht. Ästhetisch erschließt sich R50 aber vermutlich nur wenigen Laien. Sie mögen aufgrund der rohen Ästhetik vielleicht sagen: „Das ist doch noch gar nicht fertig!“ Bedenkt man, wie viele Auszeichnungen das Gebäude bekommen hat, so hat man das Problem der Architekturkommunikation ‚in a nutshell‘. Ich glaube, dass die meisten, die hier zufällig vorbeikommen und nichts über das Projekt wissen, intuitiv nicht begeistert sind. Eine empirische Untersuchung dazu gibt es allerdings bisher nicht, ich kann da nur auf der Grundlage vorhandener wahrnehmungspsychologischer Untersuchungen spekulieren.

Glauben Sie, dass R50 deutschlandweit einen Trend setzen wird?

Ich denke, bei R50 wird das stark auseinander klaffen. Das Projekt wird auch an den Hochschulen diskutiert, es ist in Fachkreisen mittlerweile eine wichtige Referenz. Die Planung der Grundrisse und der Gemeinschaftsräume entstand im Dialog der Architekten mit den zukünftigen Bewohnern auf der Basis von Bedürfnisanalysen. Viele Experten halten dieses Vorgehen für einen beispielhaften Weg, günstigen und aneignungsoffenen Wohnraum zu schaffen. In diesem Sinn wird R50 als Modell wahrgenommen.
Der ökonomische, soziale und politische Kontext spielt bei R50 allerdings auch eine große Rolle und der ist sehr spezifisch: Das Gebäude steht in Berlin-Kreuzberg, einem beliebten Stadtteil, in dem es eine intensive Diskussion über Gentrifizierung gibt. Jede Bauaktivität wird hier kritisch beobachtet. Bauland ist knapp und die finanziellen Mittel, die die Baugruppe aufbringen konnte, waren beschränkt. Vor diesem Hintergrund wurde bewusst entschieden, günstige Materialien zu verwenden, die eher industriellen Charakter haben. Als Konsequenz entstand diese rohe Ästhetik, zu sehen beispielsweise im Treppenhaus, das manchen eher an eine Tiefgarage erinnert. Diese Situation kann man nicht ohne weiteres auf zum Beispiel Osnabrück übertragen. In Berlin werden häufig Trends gesetzt, die in einem sehr spezifischen Kontext entstehen und nicht ohne weiteres auf andere Bedingungen übertragbar sind. Ob es in zwanzig Jahren auch in Städten wie Mainz und Chemnitz ähnliche Projekte wie R50 gibt – mag sein, aber ich bin da eher skeptisch.

Viele der Bewohner/innen üben kreative Berufe aus. Hätten die Architekt/innen auch mit einer anderen Nutzergruppe das Projekt realisieren können?

Spannende Frage! Ich glaube, dass die Akzeptanz bestimmter gestalterischer Entscheidungen auf Bewohner angewiesen ist, die gestaltungsaffin und visuell sensibilisiert sind, wie Grafiker oder Künstler. Ich habe das Projekt von Anfang an verfolgt, war bei der Eröffnung anwesend und konnte auch die Innenräume besuchen – ich finde es super, hätte für mich persönlich aber dennoch andere Entscheidungen getroffen. Bestimmte Aspekte, wie die Tiefgaragenästhetik im Treppenhaus, würden mich stören, muss ich zugeben. Ich bevorzuge es tatsächlich etwas „fertiger“.

Interessant, dass auch Sie einen Unterschied in der Bewertung als Architekturexperte oder Privatmensch machen.

Natürlich, auch ich kann mich dem nicht entziehen, ich habe durchaus „Laienbedürfnisse“. Nehmen wir diese Kante (Foto). Der Laie in mir denkt: Das ist doch nicht ordentlich, die Handwerker sind noch nicht fertig. Als Experte denke ich: Das ist so gewollt und konzeptuell stimmig. Auch die Balkongestaltung ist sicherlich nicht jedermanns Vorstellung von „Schöner Wohnen“ – meine übrigens auch nicht. Als Wohnender bevorzuge ich einen Balkon, auf dem man mit vier Leuten am Tisch sitzen kann und wo mir der Nachbar nicht reinschlappt. Bei R50 teilen sich die Nachbarn die vergleichsweise schmalen, umlaufenden Außenbereiche. Das ist günstiger und schafft Kontaktmöglichkeiten, aber es entspricht nicht meiner persönlichen Vorstellung von einem angenehmen Wohngefühl.

Kann man als Architekt populäre Architektur entwerfen, ohne Vertrautes zu zitieren?

Das ist ein Dilemma. Tatsächlich glaube ich, dass z.B. Investorenprojekte, die mit relativ oberflächlichen historischen Referenzen arbeiten, bei vielen Laien sehr gut ankommen. Eine solche Architektur wird aber von vielen, gerade den akademisch tätigen, Architekten vehement abgelehnt. Forschungen zeigen außerdem, dass Laien bei der Fassade oft eine mittlere Komplexität bevorzugen. Schlicht gerasterte, minimalistische Fassaden kommen in der Regel nicht gut an. Wird es zu komplex, zum Beispiel mit vielen Schrägen, überfordert der Anblick wiederum viele. Architekten tendieren jedoch eher zu einem der beiden Extreme, also hoher oder niedriger Komplexität. Wenn man weithin verstanden werden möchte, muss man das Vertraute moderat weiter entwickeln

Gibt es denn eine Architektur, der es gelingt, die Kluft zwischen Laien- und Expertenvorstellungen zu überwinden?

Die Architektur der Postmoderne war so ein Versuch. Charles Jencks, ein wichtiger Architekturtheoretiker der Postmoderne, hat dafür die sogenannte „Dual Coding Theorie“ entwickelt, die besagt, dass Architektur auf zwei Ebenen gleichzeitig funktionieren kann: auf einer fachlichen, indem ein intellektuelles Spiel mit architekturhistorischen Bezügen inszeniert wird, und auf einer allgemeinen Ebene, weil traditionelle Elemente wie die Säule so vertraut sind, dass sie auch ohne das Fachwissen als schön empfunden werden. Dieser Versuch ist aber total nach hinten losgegangen! Forschungen zeigen, dass die Doppelbödigkeit der Theorie in der Praxis von Laien überhaupt nicht zu lesen ist. Viele der postmodernen Gebäude der Internationalen Bauausstellung von 1987, die auch hier in der Ritterstraße zu sehen sind, zeigen das bis heute: zu intellektuell in ihren Bezügen, um von den Laien verstanden werden zu können.

Welche Gedanken zum Projekt R50 würden Sie einer Bankkauffrau mitgeben, die zufällig an dem Haus vorbeikommt und sich wenig für Architektur interessiert – und welche einem vom Gebäude begeisterten Architekten?

Es wird zur Vermittlung sicher nicht reichen, vor dem Haus zu stehen, drei Sätze zu sagen oder Fassadendetails zu erläutern. Um der Bankkauffrau zu erläutern, warum der Bau so aussieht, wie er aussieht, bräuchte es Zeit und die Bereitschaft, sich mit dem Gebäude auseinanderzusetzen. Wir müssten gemeinsam durch das Haus gehen und mit den Bewohnern reden. Die Qualität eines solchen Gebäudes lässt sich nur vermitteln, wenn man über die Vorstellung vom Miteinander und Zusammenleben spricht, die dahinter stehen. Ganz wichtig dafür ist etwa der große Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss. Man müsste über den Zusammenhang von Nutzwert und Ästhetik sprechen, also dass man sich entscheiden musste, ob man drei Quadratmeter mehr Platz für die Kinder wollte oder eine Verkleidung im Treppenhaus, etc. Die Bankkauffrau muss bereit sein, sich darauf einzulassen. Wenn es um Architektur und Baukultur geht, ist das natürlich überhaupt nicht selbstverständlich.

Und was sagen Sie dem Architekten?

Mit den Fachleuten muss man darüber diskutieren, ob es ein Bewusstsein dafür gibt, dass Gebäude wie R50 den Laien tatsächlich sehr viel abverlangen, weil sie einer Avantgarde-Logik folgen, d.h. gerade deshalb so hochgeschätzt werden, weil sie gängige Konventionen überschreiten und Wahrnehmungsgewohnheiten irritieren. Die Architekten dürfen nicht dem Impuls folgen, den Laien, der vielleicht nicht versteht, warum im Treppenhaus der Sichtbeton dominiert, schlicht für ignorant zu halten. Gerade eine solche konzeptuelle Architektur erfordert die ständige Bereitschaft, sie zu erläutern, sie erklärt sich nicht von selbst. Wenn die Architektur sich nicht weiter von der Gesellschaft entfremden will, dann findet sie hier enorme Herausforderungen. Im Übrigen: Auch Fachleute sind natürlich nicht grundsätzlich gefeit gegen Klischees und müssen bereit sein, ihre eigenen Überzeugungen immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Steht Deutschland eine rosige Architekturzukunft bevor?

Ich möchte nicht zu pessimistisch klingen. Es gibt tolle Ansätze und große Potenziale in der Gegenwartsarchitektur, aber „rosig“ ist die Zukunft deshalb noch lange nicht. Das ist nicht allein Schuld der Architekten oder der unzureichenden Vermittlung ihrer Arbeit. Zunehmende Verrechtlichung Überregulierung, Verschiebung der Verantwortung auf den Architekten mit der Konsequenz juristischer Auseinandersetzungen, kommen erschwerend hinzu. Die Rahmenbedingungen für gute Architektur, auch für gute Stadtplanung, sind in Deutschland sicherlich nicht optimal. Im Berufsalltag haben Architekten einen knallharten Job!

Könnte sich das ändern, wenn es mehr baukulturelles Bewusstsein gäbe?

Überspitzt kann man sagen: Es kann sich überhaupt nur ändern, wenn es mehr baukulturelles Bewusstsein gibt! Aber das ist leicht gesagt und schwer getan. Architekten dürfen sich auf keinen Fall in die Ecke zurückziehen und sich ungeliebt und missverstanden fühlen. Es werden immer überwiegend Nicht-Architekten darüber entscheiden, was, wo und wie gebaut wird. Man muss deswegen stets und kontinuierlich für Baukultur werben und in der Gesellschaft ein Klima schaffen, dass den Wert von Architektur und Stadtgestaltung akzeptiert und fördert. Auf individueller Ebene muss jeder einzelne Bauherr immer wieder aufs Neue überzeugt werden, dass anspruchsvolle Architektur für ihn etwas leisten kann und nicht etwa nur mehr Geld kostet oder potenzielle Käufer verschreckt. Das geht nur mit viel Geduld und überzeugenden Argumenten.

Fotos: Kiên Hoàng Lê (http://hoangle.de/)

 

Dieser Beitrag erscheint auch in der Stadtaspekte-Ausgabe »Neue Räume«.