Auf einer Berliner Landzunge wird der Traum eines familienfreundlichen Neubauviertels in Beton gegossen. Hier erlebt eine Generation ihre Kindheit zwischen Reihenhäusern und Townhouses. Sie wächst und wandelt sich, zeitgleich mit ihrer Umgebung.

Text von Jenni Roth, erschienen in „Neue Räume – Baukultur in Deutschlands Städten“

Ein diesiger Tag in der Rummelsburger Bucht. Glückselig turtelt ein Liebespaar in einem blumenbestreuten Bett auf einem alten Kahn – eine Szene aus dem Defa-Klassiker Die Legende von Paul und Paula. Im Hintergrund sieht man die Insel Stralau, eine karge Halbinsel im Wasser der Bucht, ein verlassen-verwunschener Flecken Erde. Ein Backsteinbau ragt am Ufer auf, rot und wuchtig, einstmals der Speicher einer Palmölanlage, in der aus Palmölkernen aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika Pflanzenöl wurde, zu DDR-Zeiten vom Kombinat Getreidewirtschaft zum Getreidespeicher umfunktioniert.

Heute haben schicke Segelboote die Kähne ersetzt, und wo einst Brachland war, ragt das futuristische Gebäude der Kita Hoppetosse mit seinem Erlebnisspielplatz schräg in den Himmel, die Pizzeria dahinter hat ihre Tische kariert gedeckt. Drüben, auf der anderen Seite, steht immer noch der Speicher. Aber er wirkt wie ein Fremdkörper, der sich nicht recht einfügen will in die durchgetakteten Gebäuderiegel, die ihn jetzt umrahmen. Die älteren, aus den 90er Jahren, wirken fast schon aus der Zeit gefallen mit ihrer apricotfarbenen Fassade, neben den schwarz-weißen Townhouses und ihren Bullaugenfenstern. Der Platz vor der Ruine heißt jetzt »Am Speicher«, und im Speicher leben Menschen, die genug Geld haben, die Lofts mit Wasserblick zu bezahlen.

Sonntags ist die Insel Stralau fast noch ein Idyll. Man hört die Vögel pfeifen und die kleinen Wellen ans Ufer glucksen. Nur manchmal mischt der Wind ein paar Club-Beats vom Festland in das Rascheln der Birkenblätter: Gegenüber ist Afterhour in der Rummelsburg. Die S-Bahn teilt hier die Welt in zwei Teile: Drüben die City mit Menschen, Lärm, Verkehr und Clubs. Hier die Inselwelt. Entspannte Gartenstadt-Atmosphäre mit Wasserblick, aus der nur eine Straße aufs Festland führt. An den Fensterscheiben kleben Bastelarbeiten, in den Vorgärten hat jemand einen Ball vergessen, vor der Haustür steht ein rotes Kinderfahrrad. Hier lernen Kinder noch, was ein Kastanienbaum ist und was eine Trauerweide.

Um sieben beginnt die Durchmischung

Eine junge Frau mit Steppweste und Dressurreiterinnenzopf spaziert mit einem Mann in Barbour-Jacke am Uferweg entlang und begutachtet in einem Rohbau die Stellen, an denen einmal ihr Sofa stehen könnte. Noch sind es unverputzte Betonwände, doch laut Hochglanzbroschüre leben sie hier bald »mitten im Grünen und trotzdem ganz nah an der City«. Vielleicht wird es eine der Wohnungen direkt an der Spree. Dort parken schon jetzt im Erdgeschoss ein paar Autos mit dem offenen Blick aufs Wasser. „Soziale Durchmischung“ ist ein geflügeltes Wort unter Stadtplanern – das auf dieser Insel der Seligen durch die Entwicklungen der letzten Jahre jedoch bedroht scheint.

Erst Montag früh, pünktlich um sieben, geht es los mit der Durchmischung. Zumindest im Bauch des Betonmischers, der von Presslufthämmern übertönt wird und von Lastern, die krachend ihren Kies abladen. Ein, zwei Stunden später kommen dann die Kinder dazu: Fröhlich lärmend gehen sie zur Schule, die kleineren zetern am Arm der Mutter auf dem Weg zu einer der beiden Insel-Kitas. Erst am Nachmittag wird es wieder lebendig, wenn die Eltern vor der Kita auf ihre Sprösslinge warten und gemeinsam zum Inselcafé pilgern oder zum Spielplatz nebenan – ein Zehntel der rund 3500 Inselbewohner ist unter sechs Jahren alt.

Martina Väth sticht aus der Mütterschar heraus. Wegen ihrer grün schimmernden Fellmütze und dem roten Rock, aber vor allem, weil sie schon seit 13 Jahren hier lebt, ganz vorn, an der Inselspitze. Vor sieben Jahren wurde ihre erste Tochter geboren, vor anderthalb die zweite. Alma geht in die zweite Klasse und ist ganz schön genervt von den Vorgängen auf der Insel: »Weil immer mehr Kinder hier sind, bauen die jetzt die Schule um und wir müssen jeden Tag durch einen anderen Eingang rein«, empört sich Alma. Deshalb gebe es inzwischen auch viel zu viel Verkehr. Ihre Mutter nickt dazu und sagt: »Die Atmosphäre hat sich verändert. Als wir herzogen, da gab es noch ein Strandcafé und eine Wagenburg. Jetzt wird alles so exklusiv. Wenn die bei uns anfangen zu renovieren, sind wir wohl raus.« Wahrscheinlich kennt Alma das Wort »Gentrifizierung« noch nicht, aber sie fürchtet auch so, dass sie bald keine Kastanien mehr sammeln kann: »Die fällen immer mehr Bäume, weil die immer mehr bauen!« Immerhin sind die Parkflächen und der Friedhof vor den Baggern geschützt. Noch trotzen ihnen auch ein paar Altbauten, die, anders als ihre Nachbarbauten, frei auf den Brachen stehen, nicht durch grünkalte Stabgitterzäune von der Außenwelt abgetrennt.

Alma und Levi statt Aldi und Lidl

Martha, eine junge Mutter, die genauso aussieht wie Amélie in dem gleichnamigen französischen Film, macht sich ebenfalls Sorgen. Klein ist sie, hat einen schwarzen Pagenkopf, an der Hand ein fünfjähriges Mädchen, das ebenfalls Alma heißt, im Kinderwagen Levi, der mit einem bunt bezuckerten Pfannkuchen beschäftigt ist. Martha ist im August hergezogen, aus Köln. Berlin kannte sie nicht gut, aber als sie einmal im Sommer im Treptower Park saß und erfuhr, dass man gegenüber auf der Insel wohnen kann, war die Sache klar: »Das ist super für die Kinder! Nah an der Stadt, aber ruhig und mitten im Grünen.« Der Preis, den sie damals nicht einkalkulierte: Das »fehlende Leben«: Außer zwei Cafés, einem Yogastudio und dem Kosmetiksalon Stralauer Nixe ist nicht viel los auf der Insel. Ein Bus muss die Bewohner aufs Festland zum Supermarkt fahren. Denn noch ist da nicht genug Masse für Lidl, Aldi und Co. Aber: Gerade wird Martha der Blick auf die Bäume verbaut.

Und das ausgerechnet auf dem Flecken Erde, der länger als die meisten Viertel Berlins von umfangreichen Baumaßnahmen verschont geblieben war. Im Mittelalter wohnten hier Fischer, Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Fabriken, hier wurde Bier gebraut, wurden Teppiche geknüpft und Flaschen gegossen. Sonntags speisten die Städter in einem der Gartenlokale, die Zum Dorfschulzen hießen oder Die Perle von Stralau. Dann kam der Krieg, später die DDR. Nur ein paar hundert Leute wohnten im »Blinddarm« Berlins, wie die Halbinsel wegen ihrer Form genannt wird – bis Berlin sich Hoffnungen auf Olympia im Jahr 2000 machte: Stralau wurde zum Entwicklungsgebiet erklärt, Investoren angeworben. Aber die Olympia-Bewerbung scheiterte. Übrig blieben die kühnen Träume von einer Luxus-Halbinsel im Osten Berlins – die jetzt die Immobilienfirmen weiterträumen.

Inselpförtner für einen Hort der Sicherheit

Martha hingegen hat eher Alpträume, wenn sie von ihren Zukunftsvisionen erzählt, die im vergangenen Sommer mit einem Baustellenfest nebenan begannen: »Da hab ich gesehen, wie teuer die Wohnungen hier sind.« Sie spricht von Inselpförtnern, die ihre Bewohner von der Außenwelt abschirmen, so wie man das aus Entwicklungsländern kennt, und fürchtet eine »Insel der Reichen«. Und Karim, der ursprünglich aus Palästina stammt, aber schon seit 13 Jahren auf der Insel lebt, hat jedes Vertrauen verloren. Er holt gerade eine seiner Töchter aus der Kita und sagt: »Früher konnte ich meine Kinder auf der Straße spielen lassen. Jetzt traue ich mich das nicht mehr.«

Trotzdem bereut zumindest Martha ihre Entscheidung nicht. »Ich kenne Eltern, die wohnen beim Görlitzer Park – was die so erzählen… Diese Probleme mit Drogen gibt’s hier nicht!« Die Landzunge zwischen Spree und Rummelsburger Bucht ist, verglichen mit vielen anderen Stadtteilen in der Innenstadt Berlins, eben doch ein Hort der Sicherheit, ein geschützter Ort zum Aufwachsen. Alles ist persönlicher hier, näher, gemeinschaftlicher. Der kleine Levi spielt mit Edda in der Kita, und später werden sie dieselbe Schule besuchen – anders als auf dem Kreuzberger Festland, wo sich besorgte Eltern genau überlegen, ob sie ihren Nachwuchs auf eine sogenannte Brennpunktschule in der Nachbarschaft schicken.
Stralau ist eben nicht der Grunewald. »Noch ist es hier durchmischt«, sagt Martha. Es gibt Leute mit Wohnberechtigungsschein und Studenten. Die Insel-Eltern sind Azubis, Lektoren oder Verkäuferinnen. Und sollte sie doch einmal zur »Insel der Reichen« werden, können die Kinder der Rummelsburger Bucht immer noch zu Rummels Perle ziehen: In dieser Kreuzberger Kneipe ist das Publikum auch in zehn Jahren bestimmt noch gut durchmischt.

Fotos: Angelika Grossmann