Parks, Sporthallen, Straßen – Städte sind voll von Gemeingütern, die häufig umkämpft sind. Wir machen sie zum Thema der #1 Ausgabe der Interview-Reihe „Die Stadt und …“. Unser Gesprächspartner ist Dr. Markus Kip.

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# 1 Die Stadt und … Gemeingüter

Von Christoph Sommer

Parks, Sporthallen, Straßen – Städte sind voll von Gemeingütern. Gemein haben diese „Güter“, dass sie für die StadtbewohnerInnen mehr oder weniger frei zugänglich sind. Steht ein Gemeingut zur Disposition, zum Beispiel wenn eine Parkanlage bebaut werden soll, beginnen harte Auseinandersetzungen darüber, was überhaupt als allgemein verfügbare Ressource gilt und wer über sie bestimmt. Diese Fragen beschäftigen die Wissenschaft intensiv, so auch eine Gruppe Berliner StadtforscherInnen, die kürzlich ihre Ergebnisse im Sammelband Urban Commons – Moving Beyond State and Market veröffentlichte. Stadtaspekte hat mit dem Co-Herausgeber Markus Kip gesprochen.

Stadtaspekte: Herr Kip, der Begriff Gemeingut ist schillernd. Was ist darunter aus Ihrer Sicht zu verstehen? Ist die Straße, die Sie heute benutzt haben um hierher zu kommen, ein urbanes Gemeingut?

Markus Kip: Unter einem Gemeingut ist aus unserer Sicht nicht nur eine feststehende Sache zu verstehen, die rechtlich als Gemeingut definiert ist. Ein Gemeingut ist etwas vor allem dann, wenn es von den NutzerInnen grundsätzlich als ein solches begriffen und immer wieder neu hergestellt wird. Die Straße mag insofern ein Gemeingut sein, als dass potenziell alle NutzerInnen diese auch als Gemeingut verstehen und untereinander aushandeln, was mit der Straße passiert, wo sie lang laufen soll, wie sie instandgehalten werden soll etc. Dennoch ist die Straße eher ein stark bürokratisch regulierter Teil öffentlicher Infrastruktur, als ein Gemeingut.

Stadtaspekte: Haben Sie ein plastisches Beispiel für ein Gemeingut, das auf direktem Wege als solches geschaffen wurde?

Markus Kip: In Berlin-Kreuzberg gibt es eine Schule, die in einem relativ desolaten Zustand war und zu deren Renovierung die öffentliche Hand damals nicht in der Lage war. Daraufhin haben Eltern die Sache in die Hand genommen. Die Elterninitiative hat renoviert und, über die Wiederherstellung des baulichen Mindeststandards hinaus, dieses klassische öffentliche Gut „Schulgebäude“ weiterentwickelt. Das ist für mich ein Beispiel für die Überführung eines öffentlichen Gutes in ein – in unserem Sinne – urbanes Gemeingut. Ein anderes Beispiel wären Nachbarschaftsgärten. Auch der Versuch, das Berliner Energienetz in eine demokratisch angelegte Entscheidungskultur zurückzuführen, ist ein Beispiel für die Aneignung als commons (Anm. d. Red.: engl. für Gemeingut). Aber auch die Nachbarschaftskliniken, wie sie im krisengeschüttelten Griechenland von ÄrtztInnen und KrankenpflegerInnen aufgebaut wurden, um eine gewisse medizinische Grundversorgung zu erhalten, sind Beispiele für urbane Gemeingüter.

Stadtaspekte: Der Wunsch, Gemeingüter unmittelbarer selbst zu verwalten und zu verantworten, ist nicht neu. Was kennzeichnet Ihrer Meinung nach die aktuelle Popularität der wissenschaftlichen Debatte über Gemeingüter?

Markus Kip: Gemeingüter stellen kein grundsätzlich neues Phänomen dar. Es gibt HistorikerInnen, die schauen sich mittelalterliche Geschichten daraufhin an, wie damals die Benutzung etwa von Wäldern, Weideflächen oder Fanggründen als Gemeingüter geregelt wurden, wer also Zugriffsrechte hatte. Es gibt außerdem viele Überschneidungen zwischen der aktuellen Gemeingüter-Debatte und dem Kampf um Selbstbestimmung und kollektive Selbstverwaltung, wie er in den 1960er Jahren stattgefunden hat. Damals ging es aber – und das ist ein wichtiger Unterschied – sehr viel stärker darum, sich einem staatlichen Paternalismus zu widersetzen. Heute wird der Wohlfahrtsstaat eindeutig gedrosselt. Es geht also vielmehr darum, der Abwesenheit staatlicher Fürsorge mit dem „Gemeinschaffen“ etwas entgegenzusetzen. Außerdem steht die Bedeutung kultureller und wissensbasierter Gemeingüter heute viel stärker im Blickpunkt. Damit meine ich zum Beispiel Atmosphären in einem Stadtviertel. Diese werden geprägt durch das städtische Erscheinungsbild, spezifische Formen der Zusammenarbeit und des Umgangs sowie durch geteilte Ressourcen wie Parks, Nachbarschaftsgärten, Cafés und Bars. Solche Atmosphären werden von vielen StadtbewohnerInnen koproduziert. Es stellt sich natürlich die Frage, wie diese vor einer Instrumentalisierung als Werbemittel im Rahmen von Stadtmarketing und Immobilienentwicklung geschützt werden können.

Stadtaspekte: Lassen Sie uns über städtische Gemeingüter im Verhältnis zum Staat und Markt sprechen. Was meint der Titel Ihres Buches Urban Commons: Moving Beyond State and Market genau?

Markus Kip: Wir verstehen Gemeingüter als eine Form von Vergesellschaftung. Diese Vergesellschaftung beinhaltet andere Formen sozialer Beziehungen, als diejenigen, die über den Markt oder über politisch-bürokratische Regelungen gesteuert sind. Menschen bestimmen hier nämlich möglichst demokratisch darüber, wie ihr Gemeingut genutzt und wie es immer wieder hergestellt wird. Da ein kapitalistischer Markt auf Expansion angewiesen ist, bietet es sich aus dieser Markt-Perspektive an, Gemeingüter zu vermarkten. Das betrifft dann auch bestimmte kulturelle Phänomene oder Geninformationen von Nahrungs- und Heilmitteln. Gleichzeitig werden immer wieder neue Gemeingüter geschaffen, die sich dieser Vermarktlichung versuchen zu widersetzen. Hier kommt eine ungeheure Dynamik zum Tragen. Unser Interesse war es, jene Gemeingüter zu analysieren, hinter denen Bewegungen stehen, die nicht auf eine Symbiose mit dem Markt oder der staatlichen Fürsorge aus sind. Es ging uns also darum, Bewegungen zu analysieren, die ein Interesse daran haben, Gesellschaft insgesamt stärker demokratisch zu regeln.

Stadtaspekte: Das klingt sehr abstrakt.

Markus Kip: Ich möchte zwei Beispiele aus unserem Sammelband anführen. Tobias Kuttler und Angela Jain haben sich angeschaut, wie die AkteurInnen eines Basars in Hyderabat (Anm. d. R.: Stadt in Indien) das tägliche Basargeschehen immer wieder aufs Neue konstruieren. Die AkteurInnen des Basars beziehen sich nach bestimmten Regelungen, die sie als legitim anerkennen, aufeinander und haben von diesem Beziehungssystem einen Nutzen. So haben die Basar-AkteurInnen zum Beispiel eine neue Einbahnstraßenregelung, die motorisierten Fahrzeugen einen bessern Zugang gewährleisten sollte, konsequent ignoriert, weil diese nicht ihrem Nutzungs- und Beziehungssystem entsprach. Daraufhin wurde die Regelung von der Stadtverwaltung nach einer Woche wieder abgeschafft. Hier wird also ein bestimmtes soziales Beziehungsmuster zu einem Gemeingut – wenn auch in diesem Fall kein explizit demokratisches Vergesellschaftungsmuster zugrunde liegt. Das Mietshäusersyndikat wäre indes ein Beispiel für eine außerordentlich stark demokratisch legitimierte Organisation des Gemeingutes „Wohnraum“. Im Kern geht es hier darum, Wohnhäuser über ein Syndikatsmodell komplett vom Markt zu nehmen und einer demokratischen Selbstverwaltung zuzuführen.

Stadtaspekte: Welche Rolle spielt ein starkes „Wir-Verständnis“ derjenigen AkteurInnen, die ein Gemeingut für sich beanspruchen?

Markus Kip: Das ist eine spannende Frage. In einem Beitrag unseres Sammelbandes wird aus einer psychologischen Perspektive analysiert, welche Rolle die Gruppengröße für ein erfolgreiches Gemeinschaffen spielt. Mit der Größe des Gemeingutes wird es immer schwieriger, sicherzustellen, dass das Trittbrettfahrerphänomen nicht überhandnimmt. Für das „Wir-Verständnis“ der Gemeinschaffenden kann der gemeinsame, grundlegende Anspruch, Gemeingüter ohne Staat und Markt zu reproduzieren natürlich auch sehr stärkend sein. Dieser paradigmatische „common ground“ kann über einzelne Gemeingüter und ihre NutzerInnen hinaus eine Bindewirkung entfalten. Das ist eine Frage, die die Arbeit an unserem Buch geprägt hat: Inwieweit kann über die Frage des ganz konkreten, lokalen Gemeingutes hinaus eine alternative politische Vision entwickelt werden?

Stadtaspekte: Wie schätzen Sie die Chance ein, dass sich hier tatsächlich ein alternatives Gesellschaftsverständnis entlang von Gemeingut-Projekten entwickeln kann?

Markus Kip: Ich finde den Blick auf „Urban Commons“ auch deshalb interessant, weil er zunächst auf das Kleine gerichtet ist. Ein Alltagsmoment wird zum Problem und dann sagen Leute: Okay, das wollen wir jetzt selber in die Hand nehmen. Der Staat macht es schlecht oder gar nicht, der Markt ebenso wenig. Dann müssen wir es eben selber machen. Diese Erkenntnis muss noch gar nicht eingebettet sein in eine Kapitalismus- oder Staatskritik. Aber hier beginnt ein Lernprozess, weil Menschen darüber nachdenken, was der Staat und der Markt übernehmen sollen, und was man besser selber regeln kann. Idealerweise kommt es dann zu einem Lernprozess dahingehend, dass diejenigen, die bereits positive Erfahrung gemacht haben, anderen Commons-Projekten etwas zutrauen oder diese gar unterstützen.

Stadtaspekte: Entsprechen diese „Projekte des Gemeinschaffens“ nicht eigentlich genau dem, was eine neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im Sinne eines Rückzugs des Staates propagiert?

Markus Kip: Das ist ein wichtiger Punkt. In unserem Sammelband schauen wir uns solche Bewegungen und Initiativen an, die nicht einfach die Löcher der staatlichen Fürsorge schließen, sondern die Frage nach den grundlegenden Verhältnissen stellen. So geht es schon darum, dass ein vermeintlicher Sparzwang nicht als Faktum akzeptiert wird, sondern auch als politisches Konstrukt. An einigen Stellen wird eben gespart und an anderen Stellen wird eben auch Geld reingebuttert, siehe Bankenrettung. Letztlich geht es darum, den Schwung aus der selbstverantworteten Lösung eines konkreten Problems mitzunehmen für eine grundsätzliche Arbeit an einer gerechteren Organisation der Gesellschaft.

Das Buch Urban Commons: Moving Beyond State and Market wurde 2015 von M. Dellenbaugh, M. Kip, M. Bieniok, A. K. Müller und M. Schwegmann in der Reihe Bauwelt Fundamente (Birkhäuser) herausgegeben. Dr. Markus Kip hat Soziologie an der York University promoviert. Er ist Mitglied in der Urban Research Group „Urban Commons“ am Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung.

 

Foto: Agnes Katharina Müller

Was, wenn die ganze Stadt ein Gemeingut wäre? Diese und weitere Fragen zu urbanen Gemeingütern werden am 29. März in der Berliner Akademie der Künste diskutiert (19:00 Uhr). Die Veranstaltung Berlin als Gemeingut – Wie können wir unsere Stadt gemeinsam nutzen? ist Teil der Ausstellung „DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum“.