Eine Kirche, ein Markt, ein Gasthaus, eine Post: die traditionelle Kleinstadt. Kopenhagen-Ørestad hat all das, nur hübscher, moderner, perfekter. In weniger als zehn Jahren wurde auf über drei Quadratkilometern Brachfläche ein neuer Stadtteil geschaffen. Was fehlt ist eine Identität und eine eigene Erzählung.

Text von Sofie Krogh Christensen / Fotos von Andreas Holm Hammershøj

 

Es ist Spätsommer und für dänische Verhältnisse heiß. Die elektronische Frauenstimme der führerlosen Metro verkündet »Toget kører mod Vestamager – This train goes to Vestamager«. Draußen sieht man Glasarchitektur, widerspiegelndes Licht und grüne Wiesen, die langsam von den wachsenden Gebäudemassen verschlungen werden, während sich der Zug in Richtung der Insel Amager bewegt. Hier, im Süden von Kopenhagen, befindet sich Ørestad, wo die Stadt ein ambitioniertes Entwicklungsprogramm vorantreibt. Daniel Libeskind, Foster+Partners, Henning Larsen Architects, Jean Nouvel und BIG (Bjarke Ingels Group): große Namen in der zeitgenössischen Architektur, und sie alle sind hier vertreten.

Es ist Ørestad, wo die Architekten von BIG ihre eingängigen aber komplexen One-Liner schufen (»Utopischer Pragmatismus«, »Hedonistische Nachhaltigkeit«, »Architektonische Evolution«) und schnell zu den neuen Lieblingen der Architekturszene und der Investoren wurden. Dahinter stand, genährt von der neuen Welle der dänischen Baukunst, die Hoffnung, die glitzernde Architektur des Nordens könne allein eine lebendige Stadt schaffen. An diesem Sommertag aber sind die Straßen menschenleer. In den Zeitungen fragen Artikel: »Wird Ørestad Kopenhagens neues Ghetto?«
Was war falsch gelaufen?

Anfang der neunziger Jahre wurde einer der ersten großen internationalen Architekturwettbewerbe Dänemarks ausgelobt. Gesucht waren Ideen zur Bebauung und Gestaltung eines ländlichen Streifens außerhalb Kopenhagens: 500 Meter breit, sechs Kilometer lang. Das Gebiet wurde seit Jahren nicht genutzt. Als einen zukünftigen urbanen Knotenpunkt konnte sich das verwilderte Gebiet niemand so richtig vorstellen. Die Stadt Kopenhagen aber brauchte Geld und zwar so bald wie möglich. Nachdem das finnische Büro ARKKI den Wettbewerb für sich entschieden und einen Masterplan aufgestellt hatte, konnte die Stadt für die einzelnen Bauprojekte namhafte Architekten gewinnen.

 

Wendepunkt Gemüsestand

Der Landstreifen wurde im Masterplan in vier Funktionsbereiche aufgeteilt: der erste und nördlichste, Ørestad Nord, sollte sich auf Medien und Ausbildung konzentrieren; der zweite, Amager Fælled, auf die Natur; der dritte, Ørestad City, auf Gewerbe und der vierte und südlichste, Ørestad Syd, auf Wohnen. Um die Bereiche zu verknüpfen, spannte man auf Stelzen eine Metrolinie von Norden nach Süden. Die Straßen benannte man nach dänischen Kreativen: im Norden nach Medienpersönlichkeiten, in der City nach Architekten und Designern und im Süden nach Künstlern. Die Namen der neuen, experimentierfreudigen Bauten sollten ihre Form widerspiegeln. So formt der ›Berg‹ eine Bergtopographie, die ›VM-Häuser‹ buchstabieren in der Vogelperspektive ein ›V‹ und ein ›M‹ und der Grundriss des ›Haus 8‹ bildet – eine eckige Acht. Der Park wurde ebenso bis ins kleinste Detail durchdacht. Einkaufen sollte man im neu errichteten, größten Shoppingcenter des Nordens, dem ›Fields‹. Alles schien perfekt – dann kam die Geschichte mit der Gemüsehändlerin.

 

Ein kleiner Stand hatte sich an dem als Marktplatz bezeichneten Ort aufgestellt, um Bio-Obst und Gemüse aus der Region zu verkaufen. Die Eröffnung verlief gut. Doch schon nach zwei Wochen war wieder Schluss. Zwischen den hohen Gebäuden entwickelte sich ein derart starker Wind, dass man fürchtete, Tomaten, Äpfel oder Zucchinis könnten davon fliegen und Leib und Leben gefährden. Die Medien stürzten sich auf die Geschichte, amüsierten sich über die »gescheiterte Stadt« und zogen Vergleiche zu den heute verpönten Wohnkomplexen der siebziger Jahre. Anwohner berichteten von ihren Neubauwohnungen, in denen sie aufgrund des Windes ihren Balkon nicht nutzen könnten und von Spielsachen der Kinder, die vom Balkon in den Park geflogen seien.

 

Ein menschenleeres Märchen

Dieser Park, der Ø-Park, ist die einzige Grünanlage in Ørestad. Ø heißt im Dänischen Insel. Und wie im neuen Stadtteil ist hier wieder jeder Bereich unterteilt in funktionelle Inseln: die Kinderinsel mit Spielplatz, die Hundeinsel mit speziellen Mülleimern für Hundekot, die Liebesinsel mit breit gestalteten Bänken. Ørestad wurde von Landschaftsarchitekten durchprogrammiert. Nicht nur die visuelle, sondern auch die verbale Stadt ist vollkommen geordnet: Hunde gehören auf die Hundeinsel, Kinder auf die Kinderinsel, Liebespaare auf die Liebesinsel. Ein charakterfestes System, eine Geschichte, ein Märchen – aber menschenleer. Das ausgeklügelte und bis ins kleinste Detail durchdachte System Ørestads mit seiner Architektur, seiner Infrastruktur und seiner Verbalität schafft eine vorbestimmte Welt, in der jeder individuelle Beitrag zu dieser Stadt überflüssig wird. Vor lauter Liebesbank-Märchen findet man für seine eigene Romanze keinen Raum mehr.

In den Literaturwissenschaften verwendet man Narrativität als einen Begriff, der unterschiedliche Kunstrichtungen streift. Es ist nicht nur ein Werkzeug des Erzählens, sondern auch der Identität. Der französische Philosoph Paul Ricœur hat den Begriff der narrativen Identität geprägt. Nach ihm ist es das Narrative, das die Identität eines Charakters konstruiert: »Es ist die Identität der Geschichte, welche die Identität des Charakters bildet«. Der Mensch muss seine Geschichte anderen Menschen erzählen, um sich verständlich zu machen – er existiert nicht in seiner bloßen Anwesenheit, sondern in seiner Erzählung. Das Erzählen verknüpft die Gegenwart mit Vergangenheit und Zukunft. So besteht eine Stadt zwar aus Wohnhäusern, einer Kirche, einem Markt, einem Gasthaus und einer Post, aber eben auch aus Menschen und ihren Erzählungen. Sie muss deshalb Freiräume für die unterschiedlichsten Erzählungen schaffen, diese zusammenfassen und an neue Einwohner weitergeben, um ihnen zu helfen, ein vertrauliches Verhältnis zur Stadt aufzubauen.

 

Städte brauchen keine Wörter, sondern Kontext

Das Erzählen braucht einen Erzähler, eine Geschichte und einen Zuhörer. In der Literatur sind die Rollen meistens einfacher aufgeteilt: der Autor steht auf dem Cover, die Geschichte ist auf dem Papier und der Leser ist man selbst. Die Rollen der urbanen Erzählung wechseln häufiger. Hier ist der Zuhörer ständig auch der Erzähler. Städte brauchen keine Wörter, sondern einen Kontext. Die urbanen Orte, die Erzählungen ausstrahlen, werden zu einem emotionalen Referenzpunkt ihrer Bewohner. Wenn eine Stadt eine Geschichte hat, kann sie daraus auch Werte ableiten. Durch diesen Prozess kann das Individuum sich sowohl sinnlich als auch rational damit beschäftigen, ein Verhältnis zu seinem Umfeld aufzubauen, daran glauben und am Ende die Geschichten weitertragen. Laut Ricœur bilden wir Erzählungen im Verhalten zu den uns umgebenden Strukturen – ob menschlich, diskursiv, geographisch oder kulturell. Um Geschichten entstehen zu lassen, muss die Stadt Raum und Storylines anbieten, zu denen sich die Einwohner verhalten können. Die Storylines und die Stimmen der Stadt müssen ins Gespräch kommen, müssen als ein laufendes Erzählen und Zuhören die Stadt gestalten.

 

Die Planer von Ørestad sahen sich selbst als Erzähler der Stadt. Auf dem Reißbrett hatten sie schon den vorgegebenen Plot der Geschichte entworfen; nicht mit Prinzen und Prinzessinnen, aber mit den Königen der Architektur. Wenn man an den Häusern ›Der Berg‹ und den ›VM-Häusern‹ vorbeiläuft, erahnt man die Geschichte, die sie erzählen sollten. Der Berg besteht zu drei Vierteln aus Wohnungsanteilen und zu einem Viertel aus Garagenstellplätzen, die wie ein Tetris-Spiel zusammengewürfelt sind. Um die Flure und Parkplätze zu verdecken, ist die gesamte westliche Gebäudefläche mit bedruckten Metallplatten eingekleidet, die als Werk eines japanischen Künstlers den Mount Everest erkennen lassen. Während die Fassade der Garage zur Straße gewandt ist, sind kleine Balkon-Gärtchen an der Hinterseite mit Blick auf die Natur angebracht. Hier können die junge, moderne Kernfamilie und andere Vertreter der kreativen Klasse ihr ruhiges Leben führen, mitten in der Natur und doch urban. Selber gestalten können die Bewohner des Hauses die Gärten jedoch nicht. Vielmehr wurde auch hier vom Architekturbüro vorgegeben, welche Pflanzen gepflanzt werden dürfen. So wurde in den ersten Jahren das Dach des Gebäudes kaum grün. Zusätzlich drohten die damals schönen Dachplatten zu verrotten; die ›echte‹, wilde Natur fing an, den ›Berg‹ nach und nach zu zerlegen. Mit seiner sogenannten »architektonischen Alchemie« wollte das Architekturbüro PLOT (die Hälfte des Büros wurde später zu BIG) mit billigen Materialien eine bessere Architektur schaffen. Schon nach weniger als zehn Jahren wurde die utopisch-märchenhafte Architektur- und Stadtvision aber entzaubert: BIGs »architektonische Alchemie« konnte doch kein Gold spinnen.

 

Kein fertiges Drehbuch

Eine Stadt ist kein im Vorfeld von den Architekten bestimmtes Drehbuch, sondern die Interpretation der Schauspieler, die sich bei jedem neuen Stück ändern kann. Sie entsteht erst im prozessualen Storytelling ihrer Bewohner. Die Projekte der in Ørestad involvierten Architektenbüros wollten alle das Beste, doch standen Ruf und Eitelkeit der Schöpfer dem erhofften Wundereffekt ihrer fortschrittlichen Architektur im Weg. Nach ihrem Prinzip kann letztendlich überall in der Welt gebaut werden. Dubai, New York, London – und Ørestad. Es sind Orte, die klimatisch, geographisch oder kulturell nicht besonders viel miteinander zu tun haben. Gemein sind ihnen aber die Leitsätze einer Architektur, die sich an eine globalisierte Bevölkerungsgruppe richtet. Diese Leitsätze werden weltweit wiederholt, bis sie ihre Legitimität verlieren.

Nach Ricœur sind gute Erzählungen Geschichten, an die wir glauben können. Sie müssen Zustände unseres Alltags beschreiben und verarbeiten. So muss gute Architektur die vielfältige gesellschaftliche Umwelt mit einbeziehen und Flächen bieten, auf denen jeder sich wiederfindet und zum Erzähler und Zuhörer werden kann.

Wenn man nun an einem Sommertag nach Ørestad zurückkehrt, hat sich die Stimmung des Stadtteils deutlich gewandelt. Jetzt sind die Inseln des Parks in den Wasserspiegel abgetaucht und bilden schwimmende urbane Gärtchen. Auf einer langen Wand spielt Street Art mit der Umgebung und gegenüber hat die erste Bibliothek des Stadtteils eröffnet. Es scheint sich etwas zu regen, eigene Erzählungen der Bewohner lassen sich allerorts erahnen.

Ørestad ist älter geworden und das scheint zu helfen. Eine Identität bildet sich ab. Es wird wahrscheinlich keine multikulturelle und vielfältige Stadt werden, dafür ist die Lage zu teuer und die Architektur zu experimentell. Aber vielleicht hat es die Stadt am Ende doch geschafft, dass die Erzählung von Ørestad keine Verkaufsrede mehr ist, sondern eine Geschichte.

 

Erschienen in Stadtaspekte #03.

Sofie Krogh Christensen studiert nach einem Bachelor in Literaturwissenschaften Moderne Kultur und Kulturvermittlung in Kopenhagen. Neben dem Studium beschäftigt sich die gebürtige Dänin in Fachpublikationen und als Mitglied der Plattform urbanophil auch mit der Semiotik und Rhetorik von Architektur und Stadt. www.urbanophil.net

Andreas Holm Hammershøj, 1982 geboren, studiert Sustainable Urban Design im Master an der Universität in Lund, Schweden.