Energielandschaften1-Bild-©-Jansen-Blaeser

Unter den Städten liegt ein oft unsichtbares System der Energieerzeugung und -verteilung. Obwohl es den meisten Stadtbewohnern im Alltag fast nie auffällt, bestimmt es doch unser ganzes Leben. Die bevorstehende Energiewende bietet Chancen, das Bewusstsein für die Energie der Städte zu schärfen und gefährliche Missstände zu beheben.

Das Energiesystem der Stadt ist bislang ein unsichtbares System. Wenn man heute durch moderne Städte geht, kann man überall die Spuren unserer Abhängigkeit von Energie erkennen: in den von Infrastruktur geprägten Stadtlandschaften mit Autobahnen, Hochspannungstrassen und Schienenwegen ebenso wie in den Herzen der Städte in Form von Tankstellen, der Straßenbeleuchtung oder dem solarbetriebenen Parkscheinautomaten.

Die Art und Weise, wie wir in unseren Städten leben, hat so unsere Umwelten zu Abbildern einer energieintensiven Gesellschaftsform gemacht. Ganz gleich, ob man diese Abbilder mag oder nicht, letztlich bleiben sie unabdingbare Elemente der Städte und begegnen uns jeden Tag. Dennoch bleibt dieses komplexe System und seine Bedeutung für die Städte und unseren Alltag durch die mangelnde Auseinandersetzung mit ihm oftmals unklar.

Technische Innovationen, verändertes Nutzerverhalten

Bei der Bewältigung der bevorstehenden Energierevolution werden die Metropolen und Städte als Innovationsmotoren menschlicher Zivilisation eine besondere Vorreiterrolle spielen. Der überwiegende Teil der Menschheit lebt mittlerweile in städtischen Strukturen, die für etwa 60 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich sind. Inmitten dieses rasanten und risikoreichen Wachstums sind Tendenzen erkennbar, die Anlass zur Hoffnung geben und sich in den unterschiedlichen Bereichen des städtischen Energiesystems bemerkbar machen, auch wenn wir sie noch viel zu häufig ignorieren.

»In unseren Städten entscheidet sich, ob die Energiewende gelingt«
Karl Eugen Huthmacher (2012)

Die primären Energieelemente der Stadt lassen sich über vier Kategorien beschreiben: Produktion, Verteilung, Verbrauch und Recycling. Alle vier zusammen bilden im Idealfall einen gesamten Stoffkreislauf ab. Diese Kategorien des Systems finden in der Stadt besonders in zwei Bereichen Anwendung und zwar im Gebäudesektor sowie im städtischen Verkehr. In beiden Bereichen gibt es große Potenziale zur Reduktion des Energieverbrauchs durch technische Innovationen, viel mehr aber noch durch ein angepasstes Nutzerverhalten.

Die Formen der Energienutzung haben in den letzten 100 Jahren die Art und Weise, wie Menschen in Städten leben, sehr grundlegend beeinflusst. Mit der Transformation von der Agrar- und Handwerkerstadt zur kompakten Industrie- und Eisenbahnstadt ging auch eine grundlegende Umstellung von der Holz- und Torfenergie zur Braun- und Steinkohle einher. Die Stadtstrukturen der Moderne schließlich, geprägt durch Suburbanisierung und Weitläufigkeit, konnten nur entstehen, da Gas und Öl die Kohle zu ersetzen begannen. Dieser Logik folgend wird nun auch die Wende zu ‚grünen’ Energieformen die Stadtstrukturen nachhaltig beeinflussen.

Gleiches lässt sich für die Formen städtischer Mobilität feststellen. Hier verläuft die Entwicklungslinie von den Kutschen, betrieben durch Pferdestärken, sowie der mit Kohle betriebenen Eisenbahn über die Massenmotorisierung durch billiges Öl bis hin zu ersten Ansätzen elektrischer Mobilität. Erst wenn die verfügbaren Energiequellen größtenteils ausgeschöpft sind, so scheint es, setzt ein Umdenken ein, das in einen Innovationsprozess münden kann.

»Jede Umstellung der Basis-Energiequellen hat zu einer grundlegend anderen Stadtform geführt«
Thomas Sieverts (2012)

Der Bruch des klassischen Verteilungs- und Produktionssystems zeigt sich bereits

Im Laufe des mitteleuropäischen Industrialisierungsprozesses entwickelte sich ein System der Energieversorgung, welches durch eine stark zentralisierte Funktionsweise geprägt war, in der Produzenten und Verbraucher klar voneinander getrennt waren. Dieses System hat sich bis heute kaum verändert: die Produktion und Verteilung von Energie wird zentral von den vier großen Versorgern in einem Top-Down System organisiert. Wie schnell also die Energiewende vollzogen wird, wo in welchen Mengen ‚grüne’ Energie erzeugt wird und welches Steinkohlekraftwerk noch wie lange CO2 emittieren darf, hängt nicht zuletzt von diesen Konzernen ab, deren jährliche Gewinnspannen zwischen ein und drei Milliarden Euro liegen und deren Lobbyverbände daran auch so schnell nichts ändern wollen. Der durchschnittliche Energiemix der ‚Großen Vier’ beträgt im Übrigen zur Zeit etwa 78 Prozent fossile Energieträger, 8,8 Prozent Kernenergie und 11 Prozent erneuerbare Energien. Mit der Energiewende aber soll sich das nun grundlegend ändern.