Mitten im Ruhrgebiet baute Margarethe Krupp mit der „Margarethenhöhe“ Deutschlands erste Gartenstadt – ein pittoreskes Idyll für Krupps Angestellte, die „Kruppianer“. Heute stehen die Zeichen auf Wandel und stellen den verschlafenen Mikrokosmos vor eine große Herausforderung.

„Jetzt blättert das schon wieder ab. Da muss ich mal Bescheid sagen, dass sie was dagegen tun.“ Rixa Gräfin von Schmettow blinzelt gegen die Oktobersonne und schaut zu dem Ziegel-Torbogen hoch, unter dem wir stehen. Dort oben thront mittig ein tönernes Katzenpaar, von dem sich etwas Farbe löst. Uns wäre das nicht aufgefallen, aber die Gräfin achtet auf solche Dinge. Sie ist tatsächlich eine Gräfin, eine sehr bestimmte und wache alte Dame, und sie wird von den Einheimischen respektvoll bei ihrem Titel genannt. Nun stehen wir mit ihr unter dem Torbogen und blicken auf den Robert-Schmohl-Platz in Essen-Margarethenhöhe, der ersten deutschen Gartenstadt.

Wenn das Wort ‚pittoresk‘ als Beschreibung irgendwo zutrifft, dann hier. Alles folgt einem einheitlichen Stil, zweistöckige Giebelhäuser prägen das Straßenbild, die sich oftmals nur in
Details unterscheiden – hier ein kleiner Säulengang, dort ein zierender Erker. Die weißen Holzfenster sind oval, rund, eckig, mit grün-weißen Läden, und die Haustüren stets grün mit weißen Fenstern, auch hier jedes ein bisschen anders gestaltet. Viele Häuser sind von Weinranken bewachsen, die um diese Jahreszeit in den schönsten Herbstfarben leuchten. Ansonsten: Vorgärten, Grün, bürgerliche Idylle wo man hinsieht.

Gräfin Rixa von Schmettow ist eine Berühmtheit auf der Margarethenhöhe. Sie hat hier alles im Griff. Foto: Sven NeidigGräfin Rixa von Schmettow ist eine Berühmtheit auf der Margarethenhöhe. Sie hat hier alles im Griff. Foto: Sven Neidig

Urlaubs-Idylle inmitten des Ruhrgebiets
Über den Straßen liegt eine eigentümliche Ruhe, wie in einem verschlafenen bretonischen Dorf zur Mittagszeit. Scheu huschen vereinzelt Einheimische an uns vorbei, manche stehen und unterhalten sich, den Hund an der Leine und die Brötchentüte unterm Arm. Aber gefühlt sind die meisten Leute, denen wir begegnen, selbst Besucher, die mit der Kamera im Anschlag durch die Straßen schlendern. Hin und wieder schiebt sich ein großer Reisebus laut und langsam durch die engen Gassen. Urlaubs-Idylle inmitten des Ruhrgebiets, des größten Ballungsraums Deutschlands mit fünf Millionen Einwohnern, innerstädtischen Autobahnen und noch immer allgegenwärtiger Industrie.

Urlaubs-Trägheit kommt bei uns aber keineswegs auf, denn wir werden von der Gräfin zielstrebig durch schmale Straßen mit Namen wie ‚Daheim‘, ‚Sonnenblick‘ oder ‚Trautes Heim‘ geführt. Viele der Straßen haben keine Bürgersteige und wir drücken uns an die Mauer, als ein Auto kommt. Die Gräfin bleibt auf der Straße stehen und mustert den Fahrer. „Der kann ja auch anhalten“, sagt sie, räumt dann aber doch das Feld. Der Fahrer grüßt sie freundlich beim Vorbeifahren. Man kennt sich auf der Margarethenhöhe.

Die Straßen in der Gartenstadt tragen Namen wie "Daheim", "Trautes Heim" oder "Sonnenblick". Foto: Sven NeidigDie Straßen in der Gartenstadt tragen Namen wie „Daheim“, „Trautes Heim“ oder „Sonnenblick“. Foto: Sven Neidig

Margarethe und ihr Baumeister
Die Gräfin war viele Jahre Vorsitzende der Bürgerschaft Margarethenhöhe. Heute führt die studierte Historikerin Besucher durch den Stadtteil und weiß mehr darüber zu erzählen, als man auf Anhieb behalten kann. Den Anstoß für den Bau gab im Jahr 1906 Margarethe Krupp, die Witwe des Großindustriellen Alfred Krupp, mit der Gründung der „Margarethe-Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge“. Alleiniger Bauleiter wurde 1908 der damals gerade 33-jährige Werkbund-Architekt Georg Metzendorf. Als Baumeister, Stadt- und Verkehrsplaner, Landschaftsgärtner und Designer in Personalunion sollte er Margarethes Vorstellung von menschenfreundlichem, sozialem Wohnen für Angestellte der mittleren Verwaltungsebene umsetzen.

Die Gräfin referiert die Geschichte von Margarethe und Herrn Metzendorf gewissenhaft und ein bisschen so, als hätte sie die beiden noch persönlich gekannt. „Margarethe hat drei Bedingungen an ihren Baumeister gestellt. Erstens: nicht im Kasernenstil bauen, zweitens: modern bauen, drittens: hygienisch bauen.“ Das Ergebnis war eine Siedlung im Werkbund-Stil, mit zweckmäßigen, kleinen Wohnungen, die genau auf den Bedarf einer industriellen Kleinfamilie zugeschnitten waren. In jeder Wohnung gab es eine Frischwasser- und Abwasserleitung, damals ein echter Luxus, sowie Gasleitungen für die Beleuchtung und hygienische Spülküchen mit Badewanne und Waschzuber. Zu jedem Haus gehört ein kleiner Garten, in dem die Leute früher selbst Gemüse anbauten.

„Es ist eng hier“
Seit 1987 steht die Margarethenhöhe unter Denkmalschutz. Die Gräfin will mir und dem Fotografen eine Musterwohnung zeigen, damit wir sehen, wie die Leute vor einhundert Jahren hier gelebt haben. Mich interessiert, wie die Leute heute hier leben. Die Gemeinschaft ist ein wesentlicher Punkt des Wohnens auf der Margarethenhöhe, erfahre ich, und dass es mit der Baustruktur zu tun hat: „Es ist eng hier, Sie können den Nachbarn nicht aus dem Weg gehen.“ Außerdem seien es bestimmte, grundlegende Verhaltensweisen, die hier einfach dazugehören. „Hier ist es üblich sich zu grüßen, auch wenn man sich nur ein paar Mal gesehen hat. Und die Rentner sind so nett und nehmen die Pakete für die jungen Leute an und die wiederum helfen den Älteren manchmal aus. Das sind Selbstverständlichkeiten, aber man muss sie immer wiederholen, weil sie sonst schnell vergessen werden.“

Während wir in der alten Spülküche eine Waschmaschine von 1910 bestaunen, frage ich mich, ob sich in dieser bürgerlichen Idylle gerade so etwas wie ein Generationenkonflikt andeutet. „Die, die hier aufgewachsen sind und das gute nachbarschaftliche Verhalten von klein auf gelernt haben, werden heute zum Teil verdrängt“, erzählt die Gräfin. Gentrifizierung in der Ruhrgebiets-Enklave? Beim Thema Mieterhöhung und Verdrängung fallen einem sonst eher Berlin-Neukölln oder das Hamburger Schanzenviertel ein.

Kleinbürgerliches Idyll: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven NeidigKleinbürgerliches Idyll: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven Neidig

„Die Sozialstruktur ist dabei, sich stark zu verändern“, sagt die Gräfin. Die Mieten, so erfahren wir, steigen durch Modernisierung, Sanierung und Anpassung an den hohen Mietspiegel des umliegenden Essener Südens, den sich alte Mieter nicht mehr leisten können. Kommt uns bekannt vor, diese Geschichte. Jüngere, gut verdienende Familien ziehen ein, in denen oft beide Partner berufstätig sind und die Kinder den ganzen Tag in der Schule. „Das führt dazu, dass Dinge nicht mehr laufen, die für die Gemeinschaft notwendig waren: Zum Beispiel, dass man füreinander da ist, nachbarschaftliche Hilfe pflegt und sich umeinander kümmert.“

„Die alten Margarethenhöher gibt‘s nicht mehr“
Einige Tage nach unserem Treffen mit der Gräfin sind wir auf dem Weg zum Marktplatz, dem Zentrum der Margarethenhöhe. Auf dem Bürgersteig lädt ein Mann mittleren Alters gerade Einkäufe aus dem Auto, ein älteres Ehepaar steht bei ihm. Wir kommen mit dem Trio ins Gespräch und erfahren, dass die beiden Herren waschechte ‚Kruppianer‘ sind. „Ich hab bei Krupp kaufmännisch gelernt“, sagt der mit den Einkäufen, „meine Familie wohnt seit 1910 hier.“ Der ältere Herr nickt. „Ich habe auch 40 Jahre lang bei Krupp gearbeitet.“ Krupp ist hier eine Institution, da sind sich beide einig. „Vorher war Essen ein Dorf – der Krupp hat es erst zu dem gemacht, was es heute ist.“

„An sich ist das Leben hier gut“, sagt der Ältere, „es ist ruhig, schön grün und hat seinen eigenen Charme.“ „Aber die neuen, jungen Familien, die sind ein ganz großes Problem“, meldet sich seine Frau zu Wort, „die ziehen hierher und meinen, denen gehört
die Margarethenhöhe!“ Es seien viele „Betuchte“ dabei ergänzt der ältere Mann: „Architekten, Lehrer und Akademiker, die müssen den Pfennig nicht umdrehen“. Also doch das alte Gentrifizierungsproblem – Neukölln in Essen-Süd.

Während die ältere Dame sich nun in Rage redet, über Fußballspielen im Garten und schlecht erzogene Kinder, beschreibt der Mann mit den Einkaufstüten den Wandel differenzierter. Es sei spürbar, sagt er, dass die Stiftung jetzt einkommensstärkere Familien anspreche. Die Wohnungen würden, sobald sie leer stünden, saniert und teurer weiter vermietet. Das könnten sich nur besserverdienende Familien leisten, in denen beide Partner arbeiten. „Dadurch haben Sie eine ganz andere Struktur hier“, erklärt er, „die alten Margarethenhöher, die sich kennen und gemeinschaftlich verknüpft sind, die gibt’s nicht mehr. Die Stiftung drückt die alten Leute mit den Mieterhöhungen bewusst raus!“ Ob die neuen, besserverdienenden Leute hier länger wohnen bleiben werden, bezweifelt der Mann: „Wenn man so viel zahlt, will man doch irgendwann Eigentum haben und nicht mehr zur Miete wohnen.“

Hinter den pittoresken Fassaden bröckelt es
Wir verabschieden uns und laufen weiter zum Marktplatz. Heute ist Markttag, von 7 bis 12 Uhr, aber viel los ist nicht – auf dem Platz sind acht Stände aufgebaut, ein paar Senioren beugen sich über Blumen-, Käse- und Fischauslagen. Am Blumenstand lernen wir Manfred Kaczerowski kennen, einen älteren Mann mit hellgrauem Haar und Brille. Er wirkt zuerst etwas distanziert, aber als wir ihn nach dem Leben hier auf der Margarethenhöhe fragen, taut er auf und lädt uns spontan zu sich nach Hause ein.

Samstags von 7 bis 12 Uhr ist Markttag auf der Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven NeidigSamstags von 7 bis 12 Uhr ist Markttag auf der Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven Neidig

Im Garten des kleinen Häuschens im „Sonnenblick“, in dem er mit seiner Frau Christel wohnt, sitzen wir kurz darauf gemeinsam am Gartentisch in der warmen Herbstsonne. „Wir wohnen seit 42 Jahren hier, das ist nicht viel für die Margarethenhöhe“, sagt Manfred Kaczerowski und lacht: „Als ‚Ureinwohner‘ würden wir uns noch nicht bezeichnen.“ Der Architekt und Fotograf weiß viel über die Bausubstanz des Stadtteils – auch, dass es hinter den pittoresken Fassaden bröckelt.

Die Gärten hinter den Häusern der Margarethenhöhe sind genormt. Alle Bewohner sollten etwas Grün ihr eigen nennen. Foto: Sven NeidigDie Gärten hinter den Häusern der Margarethenhöhe sind genormt. Alle Bewohner sollten etwas Grün ihr eigen nennen. Foto: Sven Neidig

„Unter energietechnischen Gesichtspunkten können Sie die Häuser hier vergessen. Die sind schlecht isoliert, nicht wärmegedämmt und viele Fenster sind noch einfach verglast.“ Bis in
die 90er Jahre, so erfahren wir, hatten die Mieter einen gewissen Freiraum, die Häuser selbst umzurüsten. Aber mittlerweile läuft das anders: „Heute wartet man ab, bis eine Wohnung frei wird. Dann wird sie modernisiert und damit steigt auch die Miete.“ Die Zeiten, als es hier noch um sozialen Wohnungsbau für Krupp-Angestellte ging, sind vorbei.

Das führt auch zu Konflikten. Viele Alteingesessene und Kruppianer, so erzählt uns Manfred Kaczerowski, sind mit den regelmäßigen Mieterhöhungen nicht einverstanden. „Hinzu kommt, dass die Stiftung Genehmigungen für Modernisierungsmaßnahmen meistens nicht erteilt, sondern solche Arbeiten selber in die Hand nimmt und die Kosten auf die Miete aufschlägt.“ So viel also zum Traum vom harmonischen, kleinbürgerlichen Idyll. Der soziale Wandel macht auch vor dem Kosmos Margarethenhöhe nicht halt – mit Folgen für die Gemeinschaft.

Man arrangiert sich
„Die neuen Leute sind keine Kruppianer“, erklärt Christel Kaczerowski, „gerade die jungen Familien sozialisieren sich eher untereinander, die Kontakte entstehen durch Schule oder Kindergarten.“ Manfred Kaczerowski ergänzt: „Der Zusammenhalt unter den älteren ist aber auch nicht automatisch gegeben. Deswegen ist es gut, wenn junge Familien hierher ziehen und das Viertel beleben.“ Wichtig sei nur, da sind sich beide einig, dass die Neuen sich mit dem Viertel identifizieren.

Das beinhaltet auch, dass man den dörflichen Charakter der Margarethenhöhe akzeptieren muss, wenn man hier leben will. „Einige mögen die Enge und die soziale Kontrolle nicht und ziehen weg“, sagt Christel Kaczerowski. Auch ihre beiden Töchter wohnen mittlerweile im benachbarten Stadtteil Rüttenscheid, wo es eine lebendige Kneipenszene und viele junge Menschen gibt. „Man muss wissen, ob man sich darauf einlassen kann – wir haben uns arrangiert, weil wir gern hier wohnen.“

Eine Stadt für das Miteinander?
Die räumliche Struktur der Gartenstadt, ihre Enge und Geschlossenheit, prägt auch die soziale Struktur. Wer hier wohnt, ist unweigerlich Teil einer mehr oder weniger verschworenen Gemeinschaft. Die Alteingesessenen sind eine solche Gemeinschaft, die sich stark über den Ort und seine Geschichte identifiziert. Die neuen Bewohner hingegen scheinen nicht ohne weiteres in dieses traditionelle Gefüge hineinzuwachsen. Es gibt für sie andere, pragmatische Gründe, hierher zu ziehen: Es ist ruhig und schön, im dörflichen Idyll können die Kinder behütet aufwachsen, gleichzeitig ist die Großstadt Essen noch nah.

Auf der Heimfahrt muss ich an die Gräfin denken, die für alte und neue Margarethenhöher gleichermaßen ein Bezugspunkt zu sein scheint. Mit fällt etwas wieder ein, was sie uns über Margarethe erzählt hat: dass sie diese kleine Stadt in der Stadt für das Miteinander von Menschen aller Schichten gebaut hat. Für Arbeiter und Angestellte, für Kruppianer ebenso wie für Nicht-Kruppianer. Und sicher auch für solche, die es noch werden könnten.

Tönerne Katzen zieren den Torbogen vor dem Robert-Schmohl-Platz auf der Margarethenhöhe. Foto: Sven NeidigTönerne Katzen zieren den Torbogen vor dem Robert-Schmohl-Platz auf der Margarethenhöhe. Foto: Sven Neidig
Kleinbürgerliches Idyll: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven NeidigKleinbürgerliches Idyll: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven Neidig
Kleinbürgerliches Idyll: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven NeidigKleinbürgerliches Idyll: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven Neidig
Wie ein verschlafenes bretonisches Dorf zur Mittagszeit: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven NeidigWie ein verschlafenes bretonisches Dorf zur Mittagszeit: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven Neidig
Wie ein verschlafenes bretonisches Dorf zur Mittagszeit: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven NeidigWie ein verschlafenes bretonisches Dorf zur Mittagszeit: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven Neidig
Kleinbürgerliches Idyll: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven NeidigKleinbürgerliches Idyll: Die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Sven Neidig
Die Straßen in der Gartenstadt tragen Namen wie "Daheim", "Trautes Heim" oder "Sonnenblick". Foto: Sven NeidigDie Straßen in der Gartenstadt tragen Namen wie „Daheim“, „Trautes Heim“ oder „Sonnenblick“. Foto: Sven Neidig

Text: Sven Stienen
Fotos: Sven Neidig

Dieser Beitrag erschien 2015 in der Stadtaspekte-Sonderausgabe „Neue Räume“.