Wirklich alles okay im Brunnenviertel? Dieser Frage sind Malte Bergmann und Bastian Lange nachgegangen. Ein Streifzug durch das Berliner Neubauquartier.

Von Malte Bergmann und Bastian Lange

In einem weiten Hinterhof ragen achtstöckige Hochhäuser empor. Ein mediterranes Leuchten, in makellosen Orange- und Rot-Tönen erstrahlt in der Abendsonne. Die Bäume sind gepflegt, die Wege gefegt. Keine Hundehaufen, kein Graffiti, kaum ein Mensch. »Wir haben Vollvermietung im Brunnenviertel«, verkündet ein Vertreter der Berliner Wohnungsbaugesellschaft DEGEWO stolz im Supermarkt, einem Coworking Space und Szenetreffpunkt digitaler Kulturfreaks im gleichen Quartier. Die teilstaatliche Wohnungsbaugesellschaft preist das Viertel als Ideal für junge Familien, die ein erstes Zuhause finden möchten. Sie suggeriert einen in sich ruhenden Kiez. Also wirklich alles okay? Hat es das Neubauquartier aus den 70ern zurück in die Mitte der Stadt Berlin geschafft?

Spielkasinos hier, Bioläden dort

Die nackten Zahlen verraten eine andere Wahrheit. Im landesweiten Ranking von Transferhilfeempfängern steht das Brunnenviertel noch immer am untersten Ende der Skala. Die Statistik zeigt, dass das soziale Gefälle von den städtebaulichen Grenzen entlang der alten Berliner Mauer zum Brunnenviertel hin rapide abfällt. Das Quartier ist inselgleich nördlich der ehemaligen Mauergrenze gelegen und wird an drei Seiten von Bahnanlagen begrenzt. Im Süden markiert der historische Mauerstreifen den aktuellen Übergang in die Cappuccino-Komfortzone des hochpreisigen Lifestyles. Das Brunnenviertel bleibt ein trauriges Atoll mit einer im Berliner Vergleich sehr hohen Dichte von Arbeitslosen und Spielcasinos. Am südlichen und östlichen Ufer liegen Mitte und Prenzlauer Berg, jene Gebiete, in denen die Miet- und Grundstückspreise explodiert sind und die Bioladen-Dichte auf höchstem Niveau rangiert. Erste Vorboten der sprunghaften Aufwertung greifen auch nach Norden über. An der Brunnenstraße planen internationale Investoren ein Start-Up-Center anstelle eines Supermarktes, andere radieren einen bestehenden Wohnkomplex aus und setzen neue Wohnungen hin.

Der Kahlschlag und seine Folgen

Das 186 Hektar große Gebiet um die Brunnenstraße umfasste bis in die 60er Jahre circa 14.700 Wohnungen, 40.000 Einwohner und etwa 1.750 Betriebe. Vor 50 Jahren wurde es zum größten Sanierungsvorhaben der Bundesrepublik. Der Schwerpunkt der Stadterneuerung lag in der Sanierung der Bausubstanz durch Abriss und Neubau. Mit der Flächensanierung begann nach 1972 die Neubebauung bis Mitte der 80er Jahre. Somit dominieren mit über 90% Besitzanteil (5.100 Wohneinheiten) der DEGEWO modernistische Raumordnungen aus den 60er und 70er Jahren. Wie auch an anderen Orten hielt die Freude über die neuen, sauberen und gut ausgestatteten Wohnungen nicht lange an. Mit dem Wegfall von Industriearbeitsplätzen ab den 80er Jahren und den neuen Mobilitätsmöglichkeiten in den 90ern zogen viele von denen weg, die es sich leisten konnten. Es entstand das Stigma des »Arbeitslosen- und Ausländerviertels«. Seit dem gab es viele Investitionen in die bauliche Infrastruktur und in soziale und Bildungseinrichtungen.

Wohlgeordnete Leere

Streift man durch Seitenstraßen, ist jedoch kaum etwas zu spüren von sozialen Problemlagen. In einem Hinterhof findet sich eine betonierte Fläche mit hölzernen Brückenkonstruktionen und Klettergerüsten. Ein Spielplatz, dem seltsamerweise der Sandkasten und die Auslauffläche fehlt. Es handelt sich um einen »generationsübergreifenden Bewegungsparcours«. Das angebrachte Schild verrät auch die »Aufgabenstellung« des Parcours. Es geht um »Kontrolliertes Fortbewegen und Balancieren über unterschiedliche Hindernisse zur Schulung des Gleichgewichtes«. Dieser Spielplatz für Senioren ist vielleicht ein guter Hinweis auf ein Zusammenspiel von Architektur und Freiraumanordnungen, die sich anschickt, soziale Praktiken bis ins Detail zu antizipieren. Sitzbänke stehen wohlgeordnet und ungenutzt nebeneinander, mit Blick auf eine unbefahrene Straße. Attraktive Orte, etwa schattige Innenhöfe, umgeben von Ranken und Bäumen, bieten kaum Möglichkeiten zu verweilen. Auch dort, wo die Oberflächen gepflegt sind, wirkt die Anordnung von öffentlichem Mobiliar im Raum an den Bedürfnissen vorbei geplant. Der öffentliche Raum ist überdeterminiert, es bleibt kaum Platz für Improvisation.

Die Vielfalt zum Tanzen bringen

Auch die Grünbereiche sind zwar ordentlich bepflanzt aber immer streng begrenzt und in der Regel eingezäunt. Im Kleinen finden sich im Bereich der Gärten aber auch Aneignungen der Anwohner. In einem Vorgarten etwa, wachsen Küchenkräuter aus Kübeln. Zwei funktionierende Gemeinschaftsgärten existieren auch im Quartier. In der »Gleimoase« etwa bietet sich eine Vielzahl von Möglichkeiten des Selber-Gärtnerns. Es können eigene Pflanzen angebaut oder Pflanzenpartnerschaften übernommen werden. Der Garten ist aber auch einfach Treffpunkt und Verweilort, zumindest potenziell für eine Vielzahl von unterschiedlichen Bewohnergruppen. Heute haben zwei Drittel der Bewohner einen Migrationshintergrund. Anders als im Berliner Kultkiez Kreuzberg ist davon hier im öffentlichen Raum kaum etwas zu sehen. Sucht man nach generellen Ansammlungen von Menschen, so wird man am ehesten im großen Park Humboldthain fündig. Entlang der Wege sieht man Gruppen, die sich öffentliche Bänke einfach neu angeordnet haben. Frauen mit Kopftüchern unterhalten sich angeregt und rauchen, während nebenan Studenten Ball spielen. Auch ältere Männer haben sich einen schattigen Platz gesichert und unterhalten sich, während sie mit großem Interesse auf das Geschehen um sie herum blicken. Entlang der Wege ziehen immer wieder Menschen vorbei, gucken, werden beäugt und verschwinden. Im Park finden sich noch am ehesten Szenen jenes »urbanen Balletts«, von dem die Stadtforscherin Jane Jacobs aus dem New York der 60er und 70er berichtete. Sie beschrieb ausführlich, wie der öffentliche Raum zur Bühne wird, in der sich fremde Lebensentwürfe beobachten, reiben und zusammen eine funktionierende Choreographie bilden, die in ihrer Komplexität an die evolutionäre Genialität der Natur erinnert. So ein »gelungener Tanz«, also bedeutungsvolle Interaktionen zwischen Fremden, ist heute in Berlin, genau wie in der Lower-East-Side der 1960er, keine Selbstverständlichkeit. Im Brunnenviertel trifft soziale Diversität auf eine durchnormierte gebaute Welt. Offizielle, vordefinierte Frei- und Spielräume konterkarieren den Bedarf nach selbstbestimmten Nischen und frei gewählten Raumaneignungen.

Bewohnern die Alltagsgestaltung zurück geben

Zusätzlich zum »Clash of Norms« steht das stigmatisierte Viertel 24 Jahre nach dem Mauerfall vor der Frage, ob der Wachstumsdruck aus den angrenzenden Stadtteilen alte Bevölkerungsgruppen verdrängen wird oder ob in einer sanften Bewegung die bildungs- und arbeitsmarktspezifischen Chancen der Bewohner aufgewertet werden. Flexiblere Nutzungsstrukturen, gewandelte Freiraumkonzepte, ein höheres Maß an Selbst- und Mitbestimmung durch die aktuellen Anwohner, könnten Brücken herstellen zu den Lifestyle-Communities der südlichen Nachbarschaft, könnten den Selbstbehauptungswillen der seit Jahrzehnten stigmatisierten Bewohnerschaft verbessern und ihnen die Handwerkszeuge der Alltagsgestaltung an die Hand geben, die heute, gerade für eine junge Generation, so dringend gebraucht werden.

Dabei haben sich einige Institutionen mit einer ermächtigenden Praxis etabliert. In der »Destiny Diversity Academy« etwa schulen sich Frauen mit Migrationshintergrund selbst für soziale Berufsfelder weiter. Auch das Event- und Workshop-Zentrum »Supermarkt« bietet eine Fülle von Mitmach-Formaten, die auf Wissensaustausch und gemeinsames Lernen setzen. Was fehlt, ist die weitergehende Bereitschaft den Stadtteil für Gestaltungen der Bewohner zu öffnen.

Die bestimmenden und besitzenden Player winken weiter ab, es sei ja alles okay. Der doppelte Charakter der Selbstzufriedenheit entblößt nicht nur fehlende Gestaltungsbereitschaft und den Willen zur Aktualisierung der Nutzungspraktiken. Spricht die Vollvermietung anscheinend doch für eine hohe Attraktivität des Stadtteils? Ausgeblendet werden die zukünftigen Wachstumseffekte des Landes Berlin, die gerade diejenigen zuerst treffen werden, die wenig Verankerungen im sozialen Netzwerk des Stadtteils haben, die wenig selbstbestimmt für ihr Viertel eintreten. Doch das passt Stakeholdern wie der DGEWO möglicherweise ganz gut in die Geschäftsgrundlage: Bei neuen Mietern kann man ja die Miete erhöhen und die klammen Kassen des Landes füllen. Das freut den Finanzsenator und wirft ein gutes Bild auf die Geschäftsführung.

 

Dieser Artikel entstand auf Basis der Ergebnisse der Summer School »Urban Conflict and Contact Zones« mit Carina Diesenreiter, Ieva Jansone, Minuette Le, Victor Sena, Lika Sharifi Sadeghi und Sun Wendy Yindi. Die Summer School wurde durchgeführt von Multiplicities Berlin mit dem Supermarkt Berlin, der Sommeruniversität der Humboldt Universität Berlin und dem Georg Simmel Zentrum für Metropolenforschung.

Fotonachweis:
Bild 1: © Minuette Le und Lika Sharifi
Bild 2: © Carina Diesenreiter