Die Beschreibung des Stadtraums als Bühne ist populär. Die Germanistin Hannelore Schlaffer hat sich das Straßentheater angeschaut und in ihrem preisgekrönten Essay »Die City« beschrieben.

von Christoph Sommer

Zwei Fragen stehen im Zentrum: Was sagen uns die standardisierten Szenen, die dort im Lichte einer »ästhetischen Dämmerung« gespielt werden, über das allgegenwärtige stadtentwicklungs-politische Credo »Urbanität durch Belebung«? Was ist der Preis für das »Glück der demokratischen Gleichheit«?

Trägt man die städtebaulichen Settings zusammen, die Schlaffer in der bundesdeutschen City inspiziert, ergibt sich ein Bühnenbild, das grob skizziert, so aussieht: Der Umbau deutscher Innenstädte in Dienstleistungs- und Konsumzentralen ist weitestgehend abgeschlossen. Die architektonische Formensprache hat sich dabei im Zuge einer investorengetriebenen Stadtentwicklung vereinheitlicht. Zumindest auf Erdgeschossebene sehen wir uns einem einzigem Schaufenster gegenüber, historische Eigenheiten sind allenfalls noch auf Höhe der oberen Stockwerke auszumachen. Plätze und Straßen werden extensiv gastronomisch genutzt, die Tische sind dort aus Kostengründen zuletzt immer kleiner geworden. Generell gibt es kaum einen Platz, an dem man sitzen könnte, ohne zu konsumieren und zu zahlen.

Die City hat einen ganz klaren Stundenplan

Ergänzt um die Menschen ergibt sich folgende Szenerie. Neun Uhr: Aufmarsch der Angestellten. Zehn Uhr: Seniorenpaare verteilen sich – öfter auch im Gänsemarsch – zum Einkauf über die City. Mittagszeit: Die City wird zur Kantine der Angestellten. Zwischenzeitlich: Die Umlandbevölkerung füllt die Plätze, außerdem sind viele geführte Trupps (Schülertrupps, Kulturtrupps, Touristentrupps) unterwegs. Abends: An den Rändern der City scharen sich Jugendliche nahe der Kinopaläste oder Kneipen und trinken, rauchen, lieben.

Schlaffer vermisst den Flaneur und Paris sowieso

Hannelore Schlaffer beschreibt dieses City-Szenario mit einem leidenschaftlichen, pessimistischen Eifer. Sie vermisst die markanten Individuen, die sich distinktionsmutig eben nicht dem milieuübergreifenden Freizeitlook hingeben. Sie mag die unentwegte Esslust der Citybesucher nicht, die die Penetration des niederen Geschmackssinns durch kulinarische Events forciert. Sie sieht in der Bereitschaft bei niedrigen Temperaturen draußen zu sitzen eine Rastlosigkeit, die der zum Statussymbol avancierten Zeitknappheit par excellence entspricht. Ja, Hannelore Schlaffer vermisst den Flaneur – und Paris sowieso.

Aber: Der skeptische Stil und leidenschaftliche Ton beschwingen die Auseinandersetzung mit den durchaus nicht gerade neuen Thesen. Bei der exzessiven Inszenierung des Urbanen, das heute nicht mehr schlicht aus der Organisation und den Bedürfnissen der (blasierten) Bewohner hervorgeht, macht sie das Credo »Urbanität durch Belebung« als zentralen Treiber für das City-Szenario aus. Die Aura des Städtischen soll dabei durch allerlei Events hergestellt werden, die von den Stadt- und Umlandbewohnern bevölkert werden. Die Angleichung des Warenangebots in den deutschen Städten und der florierende Online-Handel verstärken den Bedarf an »kulturellen« Events als Stimuli zum Erhalt eines möglichst lebhaften Straßenlebens.

Von der bedrohlichen Masse zur friedlichen Menge

Der scharf pointierte Ton und der Anspruch, dem City-Theater mal richtig den Spiegel vorzuhalten, lassen über die ein oder andere zweifelhafte These (Verbannung der Natur aus der Stadt, Stadtbevölkerung soll sich nicht mehr mit ihrer Stadt identifizieren) hinwegsehen. Es ist der Wille Schlaffers – die intellektuellen Hochmut zwar bei den City-Akteuren, aber keinesfalls bei sich selbst vermissen lässt – eine »überfällige« Stadtkritik zu formulieren, die das Buch lesenswert macht.

Besonders interessant ist die theoretische Rahmung, in der Schlaffer ihren Essay gipfeln lässt. Dabei geht es um das Verhältnis des Einzelnen zur Masse in der Großstadtbeschreibung. Demnach nimmt sich die poetische Beschreibung des Stadtlebens – zum Beispiel bei Rilke – dem Großstadtgedränge noch angstlüstern an. Der aufklärerische Stadt-Essay sieht in der städtischen Masse vor allem ein hygienisches und politisches Gefahrenpotenzial, ehe Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Angst vor der Vereinsamung des Einzelnen in der Masse Eingang in die Großstadtbeschreibung findet.

Und heute? Heute haben sich die Massenansammlungen in der City bar jeglicher »Massenkristalle« (politische Ideen, unwiderstehliche Persönlichkeiten) laut Schlaffer in friedliche Mengen verwandelt, die sich lebensfroh von Eventtechnikern bespaßen lassen. Ob zwischenzeitlich auch noch die einst gefürchtete Vereinsamung in der Masse durch die »Aufhebung aller Statussymbole« gebannt wurde, ist unbedingt zu bezweifeln. Vielleicht ist der Phantomschmerz der feinen Unterschiede im beginnenden »Glück der demokratischen Gleichheit« ja sogar größer.

 

Hannelore Schlaffer: Die City
zu Klampen! Verlag, Springe 2013
176 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-86674-188-1

 

Am 15. Mai 2014 erhält Hannelore Schlaffer den von der Friedrich Ebert Stiftung seit 1982 vergebenen Preis »Das politische Buch«. Zu den Preisträgern zählten u.a. Peer Steinbrück, Robert Menasse und Colin Crouch.

 

Christoph Sommer studierte an der LMU München und der Universität Wien Geografie. Seither beschäftigt er sich mit Fragen der raumbezogenen Identität, schwerpunktmäßig mit dem Für und Wider der strategischen sinnhaften »Aufladung« von Stadträumen durch Stadtmarketing. Er arbeitet als wissenschaftlicher Referent bei der Handelskammer Hamburg.