Vor drei Jahren beschloss Matt Green, Job und Wohnung zu kündigen, um sich einer neuen Mission zu widmen: Der 34-jährige möchte einmal alle Straßen New Yorks ablaufen. Auf seinem Blog »I’m just walkin’« dokumentiert er seinen 12.000 Kilometer langen, außergewöhnlichen Spaziergang. Sehenswürdigkeiten im herkömmlichen Sinn interessieren ihn nicht.

Von Bettina Krause

Seit dem 1. Januar 2012 läufst Du jeden Tag circa 12 Kilometer durch New Yorks Straßen. Voraussichtlich bis Mitte 2016 hast du jede Straße der Stadt einmal durchquert. Wie kamst Du auf diese Idee?
Matt Green
: Begonnen hat es damit, dass ich 2010 bereits die USA zu Fuß durchquert habe. Damals bin ich in 152 Tagen von Rockaway Beach in New York nach Rockaway Beach in Oregon gelaufen. Das waren 3100 Meilen (knapp 5000 Kilometer, Anm. d. Red.) von der Ost- zur Westküste, ungefähr 20 Meilen pro Tag. Danach wollte ich auf keinen Fall, wie ursprünglich geplant, wieder zurück an den Schreibtisch. Ich hatte schon eine Weile in New York gelebt und war interessiert daran, mehr von der Stadt zu sehen als nur mein Viertel. So entstand die Idee, einmal alle Straßen der Stadt abzulaufen.

Wie stehen die beiden Projekte in Beziehung zu einander, war die Durchquerung der USA der Natur und New York dem urbanen Erlebnis gewidmet?
Gewissermaßen ist das Laufen in New York jetzt das Gegenstück zum ersten Projekt, bei dem ich ja einer geraden Linie gefolgt bin. Aber es gibt überraschend viele Natur-Momente in dieser Stadt. Für mich macht es keinen Unterschied mehr, ob ich mich in der Stadt oder in einer ländlichen Gegend bewege, das fühlt sich alles sehr ähnlich an. Es kommt mir nur noch darauf an zu laufen, meine Umgebung zu erforschen und zuzulassen, dass etwas meine Aufmerksamkeit erregt.

Wie planst Du Deinen Tag, gehst Du bei der Auswahl des Weges systematisch vor?
Ich habe diese digitale Karte, in die ich jeden Tag meinen zurückgelegten Weg eintrage. Dort schaue ich morgens wo ich noch nicht war und was am einfachsten von dort zu erreichen ist wo ich übernachtet habe. Ich schlafe bei Leuten, die ich unterwegs kennenlerne. Mehr plane ich nicht. Ich möchte mich davon überraschen lassen, was ich sehen werde.

Was hast Du dabei, wenn Du durch die Straßen gehst?
Ich nehme meist was zu essen mit, Nüsse oder Obst, eine Flasche Wasser und einen kleinen
Notizblock auf dem ich notiere, wo ich langgelaufen bin, um das abends in die Karte zu übertragen. Außerdem habe ich mein Telefon dabei mit dem ich meine Fotos mache. Das war’s.

Worauf achtest Du bei der Erkundung der Stadt? Hast Du einen Fokus auf bestimmte Dinge?
Ich fotografiere zwar alle 9/11-Memorials und Frisörläden, die in ihrem Schriftzug ein »Z« statt eines »S« verwenden – davon gibt es unzählige – aber mehr nur aus Spaß. Ansonsten achte ich auf keine speziellen Dinge. Ich fotografiere, was mir auffällt. Manchmal ist das eine Person in einem verrückten Outfit, ein lustig dekorierter Vorgarten oder eine versteckte geschichtliche Begebenheit, die ich dann später nachschlage. Ich verbringe fast mehr Zeit damit, über solche Dinge nachzuforschen und auf meinem Blog zu dokumentieren, als mit dem Laufen.

Du sagst, dass Schönheit überall zu finden ist. Bedarf es einer besonderen Haltung, um das zu erfahren?
Ich denke schon. Für viele Menschen zählt es im Leben, Geld zu verdienen und etwas Effektives zu machen. Für die ist es natürlich Zeitverschwendung was ich mache. Ich halte es für absolut erstrebenswert eine Person zu sein, die neugierig auf das ist, was sie umgibt und die Welt hinterfragt. Das ist doch ein großer Teil des Menschseins: Die Welt zu bestaunen. Wir können das. Ich glaube nicht, dass irgendeine andere Kreatur diese Fähigkeit besitzt. Für mich ist es also viel mehr so, dass es Zeitverschwendung ist, wenn man dem nicht nachgeht, über die Welt zu staunen und Fragen zu stellen.

Lernst Du während Du durch New York läufst eigentlich mehr über die Stadt oder über Dich selbst?
Ich habe jede Menge Geschichte und Geschichten über New York gelesen. Aber wenn ich unterwegs bin, lerne ich viel mehr über mich selbst, als über die Stadt.

Was hast Du denn gelernt?
Ich weiß nun, was mich glücklich macht. Die Idee der meisten Leute davon, was sie glücklich macht, sind Konsumgüter: das Haus, das Auto und der Fernseher. Und wenn sie einen tolleren Fernseher kaufen, denken sie, es geht ihnen besser. Da ich mich von diesen Dingen fernhalte, wurde mir schnell klar, dass ich davon überhaupt gar nichts brauche. Ich habe gelernt, dass es keinerlei materieller Dinge bedarf, um glücklich zu sein. Denn es ist ja nicht das Auto selbst, das einen froh macht. Es sind die Gefühle, die diese Güter auslösen. Also habe ich viel über Gefühle nachgedacht und was man braucht um glücklich zu sein. Für mich ist es das: durch die Gegend zu laufen und mir Dinge anzusehen. Das erfüllt einen ganz großen Teil meiner Bedürfnisse. Das zu wissen ist eine unglaubliche Befreiung.

Denkst Du, ArchitektInnen und StadtplanerInnen könnten von Deinen Erfahrungen lernen?
Architektur und Stadtplanung sind natürlich wichtig weil sie Orten eine Form geben. Aber genauso wichtig oder vielleicht wichtiger ist die Einstellung der Leute, die dort leben. Man kann viel darüber reden eine Gegend fußgängerfreundlich zu gestalten. Wenn die Leute aber keine Lust haben rauszugehen, bringt das alles nichts. Für mich sind Orte, die überhaupt nicht fußgängerfreundlich sind, am interessantesten. Überall nur schöne, ebenmäßige Gehwege sind schnell langweilig. Marode Fabrikruinen mit wuchernden Pflanzen sind spannender. Also würde ich Planern und Architekten wohl empfehlen, solche Orte zu erhalten und Leute dazu zu ermutigen, dort rumzulaufen und neugierig auf Abenteuer zu sein.

Das wirst Du sicher ständig gefragt, aber ich will es auch wissen: Hast Du einen Lieblingsplatz in New York?
Nein, ich habe keinen Lieblingsplatz. Aber die Sache mit der Topografie fasziniert mich. Wenn Leute an New York denken, meinen sie, die Stadt sei flach. Es gibt aber Gegenden in Upper Manhattan oder Staten Islands, die sind extrem hügelig. Dort ganz neue, unerwartete Perspektiven auf die zu Stadt haben ist fantastisch. Außerdem gibt es hier viele tolle Strände. Und das ist es eben: Man denkt nicht an Hügel oder Strände, wenn man an New York denkt.

Mit Deiner Haltung erlaubst Du Deiner Umgebung, Dich jederzeit zu überraschen. Kannst Du ein Beispiel beschreiben?
Neulich bin ich durch East Harlem gegangen, als ich zu einem gigantischen Einkaufszentrum kam. Ich bin aufs Dach des Parkhauses gelaufen und siehe da, von dort oben, dem höchsten Gebäude der Umgebung, hatte ich einen umwerfenden Blick auf den East River, rüber nach Queens und auch auf den Highway. Wenn man vor dem steht, fliegen die Autos nur so vorbei, ein unbeschreiblicher Lärm. Aber so viel höher oben dachte ich, klingen die Autos fast wie der Rhythmus eines Flusses oder des Ozeans. Man steht also neben der schrecklichen Mall, auf dem hässlichen Parkhaus, direkt am Highway und hat einen fantastischen Moment. Das ist ein perfektes Beispiel dafür, dass es keine gute Idee ist, nur Orte aufzusuchen von denen man denkt, dass sie einem gefallen werden.

Normalerweise sind unsere Städte geprägt von wohnen, konsumieren, arbeiten und Mobilität. Wie beschreibst Du das, was Du mit der Stadt machst, ist es Kunst?
Ja, manche Leute benutzen den Ausdruck »Kunst«, wenn sie beschreiben was ich mache. Aber ich sehe es nicht so. Für mich ist die Stadt mein Spielplatz, meine Schule. Der Platz, an dem ich entdecke und
lerne. Über Menschen, über Geschichte und über mich selbst.

Viele Menschen sind begeistert von dem was Du machst. Kannst Du erklären, was so faszinierend daran ist?
Ja, das ist lustig. Gerade in Deutschland interessieren sich die Leute für mein Projekt. Sie mögen wohl die Idee, dass man seinen Job kündigt und dafür etwas anderes leidenschaftlich tut. Viele leben schließlich in Umständen, die ihnen nicht erlauben, das zu machen was sie möchten. Und klar: ein Spaziergang von abertausenden Meilen innerhalb einer Stadt – das ist natürlich eine verrückte Idee. Gerade wenn man über Entfernungen nachdenkt, die man als Mensch normalerweise zurücklegt, um von A nach B zu kommen.

Wann ist das Projekt zu Ende?
Ich komme dem Ende näher, aber es wird noch etwa 1,5 Jahre dauern.

Das ist eine lange Zeit. Bist Du nie gelangweilt?
Nein, keineswegs.

Man liest, dass Du Dich, sobald alle Straßen abgelaufen sind, einen Moment hinsetzen und ein Bier trinken möchtest. Was passiert danach?
Das weiß ich nicht. Ich habe keine Pläne, die über die 15 Minuten für das Bier hinausgehen.

Das Interview führte Bettina Krause im Februar 2015.
Fotos: © Matt Green