Eine Annäherung an das urbane Unbewusste.

Früher gehörten Pferde ganz selbstverständlich zur Großstadt, doch mit der Motorisierung wurden sie aus dem städtischen Raum verdrängt. Das Künstlerkollektiv HorseArt hat sich allem Pferdischen verschrieben und versucht zu ergründen, welche Rolle Pferde in der heutigen Stadt spielen und wie man mit ihrer Hilfe die Sehnsüchte wecken kann, die unter dem Asphalt schlummern.

 

»Es gibt wohl keine geheimnisvollere Idee, als die, wie sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt. Wie sieht ein Pferd die Welt oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund?«
Franz Marc

 

Glenna ist frisch und aufmerksam. Öffnet sich seitlich eine Einfahrt, blickt sie bedächtig hinein. Glenna achtet auf Nischen und Einbuchtungen, da hier Gefahren lauern könnten, erklärt Helgard Greve vom Verein für angewandte Stadt- und Verkehrsökologie. Schon nach kurzer Zeit beim Gang in Richtung Göttinger Innenstadt wird die Bebauung dichter. An einer Haltestelle stoppt ein Stadtbus und fährt mit lautem Motorensummen wieder an. Glenna steht nur einen halben Meter hinter dem Riesen und zuckt etwas mit dem Fell, schenkt ihm jedoch keine weitere Beachtung und setzt ihren Marsch fort. Einige wenige Passanten sehen dem Tier lächelnd nach.

Pferde hatten in früheren Zeiten eine maßgebliche verkehrstechnische Bedeutung, der gesamte Transport basierte auf Pferdekraft. »Keine politische, keine soziale, keine religiöse Handlungseinheit dieser wechselhaften Zeiten (von der Antike bis zur Moderne) kam umhin, sich des Pferdes zu bedienen, um leben und überleben zu können«, schreibt der Historiker Reinhart Koselleck. Auch die modernen Städte wurde nicht mit Maschinen, sondern mit Hilfe von Pferden gebaut. Durch die Motorisierung der Gesellschaft hat sich die gesellschaftliche Funktion der Pferde relativiert, obwohl ihr Potential nach wie vor nicht ausgeschöpft ist. Ein Beispiel für den anhaltenden Glauben an die Kraft der Pferde ist die tiergestützte Therapie: Pferde werden bei der Behandlung von Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung eingesetzt. Auch das Manager-Training bedient sich inzwischen der Pferdestärke. »Horse-sense is common sense«, propagiert etwa das Führungskräfteseminar Horsedream, das durch den Umgang mit Pferden die Führungs- und Verhandlungskompetenzen der Teilnehmer/innen stärken will. Das Künstlerkollektiv HorseArt würde diesem Slogan unbedingt zustimmen.

Hippophilie und die Ästhetik des Stadtraums

HorseArt besteht seit 2007 aus gut einem Dutzend Künstlern, Handwerkern, Anthropologen sowie Hausmännern und -frauen aus Berlin. Das Kollektiv versteht sich als »Back-to-the-hooves«-Bewegung und bereitet die Rückkehr der Pferde in die Stadt vor. HorseArt feiert alles Pferdische quer durch Medien, Felder, Stile und Genres und bedient sich unterschiedlichster Ausdrucksformen wie urbaner Intervention, Happenings, Graffiti, Forschung und Theorie oder Adbusting. Nicht immer sind Pferde anwesend, aber ihr Geist wird bei jeder Aktion angerufen. Sie zitieren die legendäre Horses-LP von Patti Smith und folgen der versteckten Hippophilie der Künstlergruppe Situationistische Internationale. HorseArt propagiert eine natürliche, soziale, umweltbewusste und der Schönheit verpflichtete Stadt.

Als Auftaktveranstaltung zur Ausstellung Pferd-Kultur-Niedersachsen in der Niedersächsischen Staats- und Landesbibliothek Göttingen führte HorseArt im August 2010 einen Wahrnehmungsspaziergang mit Pferd durch – einen Versuch, die Stadt mit den Sinnen des Tieres wahrzunehmen. Der Wahrnehmungsspaziergang ist eine Methode der Stadtethnologie, um die Gefühlsqualitäten der Umwelt zu ermitteln. Er erkundet den Zusammenhang zwischen der Gestalt der Umwelt und dem Verhalten ihrer Bewohner. Die Ethnografin oder der Ethnograf begleitet dabei eine Person auf ihrem spontanen Spaziergang durch die Stadt und hält ihre Empfindungen fest. Es ist eine ästhetische Annäherung an den Stadtraum, die sich nicht zuletzt auf künstlerische Strategien wie das dérive bezieht, das gezielt ungezielte Umherschweifen, das die Situationisten in den 1950ern praktizierten.

Mit einem Pferd ist ein solcher Wahrnehmungsspaziergang allerdings bisher noch nicht unternommen worden. HorseArt und der Verein für angewandte Stadt- und Verkehrsökologie glauben, dass ein Tier unsere Sinne auf ganz andere Art sensibilisieren kann – Pferdestärken bieten ein noch nicht entdecktes Potenzial.

Gelassenheit im Stadtverkehr

Auf dem einstündigen Wahrnehmungsspaziergang durch die Göttinger Innenstadt überprüfte die Gruppe um die Stute Glenna zwischen Parks und Hauptstraßen den Zusammenhang von Schwingkraft und Bodenbeschaffenheit, Verkehr und Stellung der Ohren, Raumweite und Schrittgeschwindigkeit. Jede und jeder der Beteiligten achtete auf ein anderes Wahrnehmungsorgan. Am Ende dieser künstlerischen Forschung stand ein überraschendes Fazit: Natur bedeutet nicht zwangsläufig Gelassenheit, Verkehr bedeutet nicht zwangsläufig Stress. Was die Menschen als natürlich empfinden, erscheint für das Pferd oft bedrohlich.

Vom Theater, auf dessen Bühne vor einiger Zeit ein lebendes Pferd stand, geht es auf den alten Wall, der die Göttinger Innenstadt umgibt. Auf diesem geschlossenen Ring kann man ohne Unterbrechung das Zentrum einmal umrunden. Der Weg ist mit Kies aufgeschüttet und von Bäumen dicht gesäumt. Zwei schmale Wiesenstreifen führen seitlich entlang, immer wieder öffnet sich der Blick durch die Bäume nach unten auf die Göttinger Fachwerkhäuser. Zur Überraschung aller wird Glenna hier schneller. Auch für Helgard Greve ist das neu: Ihr Pferd möchte offensichtlich runter vom Wall. Beim Stopp auf dieser Wegstrecke erklärt Helgard, die Enge des Weges mache das Tier nervös, denn die Stute habe Angst vor versteckten Angreifern. Pferde seien Fluchttiere und deshalb stets mit allen Sinnen wachsam. Es könnten ja überall Tiger lauern. Das Unbehagen ist an Glennas Körper nur durch feine Signale erkennbar und äußert sich etwa durch eine erhöhte Geschwindigkeit. Gefühl und Tempo gehören beim Pferd zusammen. Zurück auf der Hauptstraße drosselt Glenna ihre Geschwindigkeit und folgt dem Weg wieder ganz gelassen. Obwohl das Grün auf dem Stadtwall für uns Menschen natürlicher wirkt als die Innenstadt, empfand die Stute den Ort als bedrohlich.