Eine Rezension zu Marcus Termeers Essay „Menschen mit fremden Wurzeln in hybriden Stadtlandschaften. Versuch über Identität und Urbanität im Postfordismus“

von Heike Oevermann

„Ich habe Füße, keine Wurzeln, ich kann gehen. Sogar Auto fahren“. Mit diesem plastischen Zitat der Holocaustüberlebenden Ruth Klüger (taz vom 3./4. November 2012) leitet Marcus Termeer sein Kapitel zu Konstruktionen der ‚Anderen‘ als Neophyten ein. Für die Kraft sprachlicher Metaphern zu sensibilisieren, das ist eines der Anliegen des Soziologen Termeer. In seinem Essay Menschen mit fremden Wurzeln in hybriden Stadtlandschaften. Versuch über Identität und Urbanität im Postfordismus greift er hierfür zunächst aktuelle Debatten zu Migration und Stadt auf und bettet diese in längere zeitliche Diskurslinien ein. Die Wurzelmetapher problematisiert er sehr erhellend im ersten Teil des Buches, der sich dem Thema Identität widmet. Etwas unklarer ist die Argumentation im zweiten Teil, in dem es um hybride Stadtlandschaften geht. Beide Themen sind in der Stadtforschung hochaktuell und werden interdisziplinär diskutiert. Darüber hinaus handelt es sich jedoch vor allem auch um zentrale gesellschaftliche Themen, die uns alle als politische Menschen angehen.

Das Buch enthält zwei Essays über zwei sprachliche Konzepte – zum einen die Wurzelmetapher zum anderen die Auffassung des Hybriden – und stellt Verbindungen zwischen Wurzelmetapher und Hybridität her. Nach der Argumentation von Termeer werden durch beide Konzepte (neue) soziale und räumliche Grenzen gezogen und so Inklusion und Exklusion erzeugt. Wirkungsmächtig werden diese Grenzziehungen durch die sprachlichen Metaphern aus der Ökologie, hier steht zentral die Wurzelmetapher. Durch den Rekurs auf die Ökologie und Naturschutz werden die gesellschaftlichen Konstruktionen der einschließenden und ausschließenden Zuschreibungen ‚natürlich‘ legitimiert und verfestigt. Vielfache Hinweise auf historische Diskurslinien, in denen ähnlich argumentiert wurde und die wirkungsmächtig funktioniert haben, zeigen die Relevanz dieser nicht nur aktuellen Referenzen. Dabei werden die Chicago School der 1920 Jahre herangezogen, wie auch die Politiken des Nationalsozialismus. Das macht die Brisanz des Ökologierekurses für das Thema Migration schnell deutlich.

Die kurze Einführung vom Autor mit dem Titel Das Theater der hybriden Stadträume. Eintritt frei? bezieht die aktuelle Situation der Migration nach Deutschland und der fremdenfeindlichen Übergriffe in Deutschland in die im Hauptteil folgende Argumentation ein. Diese firmiert unter der Kapitelüberschrift ‚Wurzeln‘ woanders. Konstruktionen der ‚Anderen‘ als Neophyten. Hier beschreibt der Autor vielfältige Beispiele aus Politik, Medien und der Fachliteratur, in denen soziale Konstruktionen des Andersseins durch die Metaphern und Begriffe der Ökologie naturalisiert und dadurch sprachlich assoziativ als natürlich legitimiert festgeschrieben werden. Als Neophyten werden in der Ökologie ‚nicht-einheimische‘ Pflanzen und Tiere bezeichnet, die sich an neuen Standorten ausbreiten und gegebenenfalls auch andere Arten verdrängen. Termeer zeigt, dass sowohl in der Migrationsdebatte die Terminologie und Argumentationslogik der Diskussionen um Neophyten übernommen wird, wie auch in der Diskussion um Neophyten der Fauna und Flora die Terminologie von Migrationsdebatten, z. B. Integrationsverweigerer oder Neubürger. Problematisch wird diese Verbindung der Diskurse zudem dadurch, dass Neophyten in der Ökologie und insbesondere im Naturschutz  überwiegend negativ konnotiert sind.

In den Diskussionen wird jedoch nicht nur der vereinfachte und rechtspopulistische Tenor vertreten: „da wo jemand Wurzel hat gehört er/sie auch hin“, oder: „Bäume verpflanzt man nicht“. Sondern besonders interessant ist, wie vermeintlich linke und liberale Akteure, wohl unbewusst, gleichermaßen diese Metaphern verwenden. Termeer zeigt zudem, wie auch Vertreter von Minderheiten oder Akteure mit eigenem Migrationshintergrund selbstbewusst ihre ‚Wurzeln‘ betonen und dadurch an die Logik der Neophyten und Naturschutzdiskussionen, inklusive ihrer rassistischen Diskurslinien und Politiken des 20. Jahrhunderts, anschließen.

Der zweite Hauptteil Trans-Formationen: Urbane Öffnungen und Schließungen greift die Erkenntnisse des ersten Teils auf, sowie die in der Stadtforschung bekannten und zum Teil kritischen Diskussionen um Festivalisierung, Ästhetisierung und die sogenannte creative class und ihre Einflüsse auf den Stadtraum. Das hybride Stadtlandschaften mittlerweile als chick oder hip gelten (können) ist ein Ergebnis dieser veränderten Debatten und konkreten Raumproduktionen. Im letzten Abschnitt rückt der Autor dann den Zirkelschluss von der Stadt als bedrohtes Ökosystem in den Fokus. Er zeigt wie einerseits Hybridität und Durchmischung von Stadträumen angestrebt werden, diese sich gleichzeitig aber vor allem auf sogenannte Migrationsviertel (mehr Durchmischung) beziehen und diese Stadträume oftmals für und durch eine gebildete, kreative Mittelschicht hergestellt werden. Inklusion, so Termeers These etwas zugespitzt, funktioniert nur solange nicht zu viele sichtbar ‚Fremde‘ in Erscheinung treten. Ob dies ‚Fremde‘ nun Neophyten oder Menschen sind scheint oftmals in den Debatten und Praktiken bewusst oder unbewusst vermischt zu werden.

9783958080157Der Essay „Menschen mit fremden Wurzeln in hybriden Stadtlandschaften. Versuch über Identität und Urbanität im Postfordismus“ von Marcus Termeer ist als Band Nr. 6 der Reihe „Relationen – Essays zur Gegenwart“  im Neofelis Verlag erschienen. Die Rezensentin Dr. Heike Oevermann arbeitet am Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung der Humboldt-Universität zu Berlin und im eigenen Büro architecture related zu Cultural Heritage, Stadtbaugeschichte und Stadtforschung. Promoviert worden ist sie zu dem Thema der Transformationsprozesse historischer Industriekomplexe. © Cover: Marija Skara / Neofelis Verlag