Eine Begegnung mit der amerikanischen Großstadt 1924.

Eine Amerikareise vor fast hundert Jahren. Nach drei Tagen Fahrt über den Atlantik erreicht das Dampfschiff Deutschland am Abend des 11. Oktober 1924 den Hafen von New York. An Bord befindet sich Erich Mendelsohn, ein aufstrebender Architekt aus Berlin, der sich mit dem Einsteinturm in Potsdam (1919–22) und der Hutfabrik in Luckenwalde (1921–23) bereits einige Anerkennung erarbeitet hat. Nun soll er im Auftrag des Berliner Tageblatts über die Fortschritte der amerikanischen Architektur berichten.

»Gegen Mittag Land in Sicht,« verkündet Mendelsohn noch am Tag der Ankunft in einem Brief an seine Frau Luise. Als erstes erschien die flache, weiße Küstenlinie am Horizont, bevor sich im Dunst – endlich – auch die schemenhaften Umrisse der Hafenstadt New York abzeichneten. Mendelsohn, an der Reling des Schiffes, suchte mit dem Fernglas nach bekannten Strukturen im abendlichen Dunst. »Plötzlich«, so schrieb er rückblickend und noch immer erregt von seinen ersten Eindrücken, »für einen Augenblick – Woolworth Building. Schemenhaft, hoch oben am Himmel. Keiner dachte so hoch hinauf.« Das Woolworth Building von 1913 war mit seinen rund 240 Metern und 57 Stockwerken auch 1924 noch das höchste Gebäude der Welt.

Erst 1930 stellte das Bank of Manhattan Company Building (283 m) einen neuen Höhenrekord auf, im selben Jahr auch das Chrysler Building (319 m), 1931 dann das Empire State Building (381 m). Der Wettbewerb um das höchste Gebäude der Welt spielte sich noch während des gesamten 20. Jahrhunderts ausschließlich in den USA ab: ab 1972 führte das World Trade Center mit 417 Metern Höhe, von 1974 bis 1998 der Sears Tower in Chicago mit 442 Metern. Die Rekordhochhäuser des 21. Jahrhunderts stehen in Kuala Lumpur (Petronas Towers, 452 m), Taipeh (Taipeh 101, 508 m) und Dubai (Burj Kalifa, 828 m). Wolkenkratzer bestimmen heute nicht mehr nur das Stadtbild von New York oder Chicago, sondern auch die Skylines von Frankfurt, Tokyo und São Paulo.

 

»Turmartige Ungetüme, wild und regellos«

Für Erich Mendelsohn und seine Zeitgenossen waren Wolkenkratzer ein amerikanisches Phänomen. Im späten 19. Jahrhundert explodierten die Grundstückspreise in den Innenstädten wichtiger Handelszentren in den USA. Architekten und Ingenieure reagierten darauf, indem sie jede Parzelle so hoch und so vollständig wie möglich bebauten. Mit der Erfindung des Aufzugs und Fortschritten im Bereich der Stahlskelett-Konstruktion waren zu dieser Zeit zwei grundlegende Voraussetzungen für den Hochhausbau erfüllt: das Stahlskelett machte den Bau in die Höhe möglich und rentabel, durch den Aufzug wurden die oberen Etagen mühelos erreichbar. Feuersichere Bürogebäude mit hoher Geschosszahl und großen Fensterflächen waren bald prägend für amerikanische Großstädte wie Chicago und New York.

In Berlin, wo Mendelsohn zuhause war, gehörten Häuser mit zwanzig und mehr Stockwerken ebenso wenig zum alltäglichen Erfahrungsschatz wie in anderen europäischen Städten. Der Architekt Bruno Möhring beschrieb Berlin 1920 als »ein flaches Häusermeer, aus welchem hier und da spitze Kirchtürmlein herausragen.« Die städtische Bauverordnung beschränkte die Gebäudehöhe auf fünf Stockwerke; nur die eine oder andere Bahnhofshalle, Rathaustürme, die Kuppeln von Dom, Schloss und Reichstag stachen hervor. Umso beeindruckender muss für Mendelsohn der erste Anblick des Wolkenkratzer-Panoramas von New York gewesen sein.

Unvorbereitet war Mendelsohn jedoch nicht. Architekten aus Deutschland, den Niederlanden und anderen europäischen Ländern berichteten bereits seit den Anfängen des Wolkenkratzerbaus über die Errungenschaften der amerikanischen Bauwirtschaft. Beschreibungen, Zeichnungen und Fotografien von Gebäuden und Straßenzügen erschienen in Büchern, in Fachzeitschriften oder in der Zeitung. Man diskutierte die so genannten »Turmhäuser«, bewunderte sie als technologische Großleistung und plante eigene Hochhausprojekte. Gleichzeitig kritisierte man die gigantischen Bauwerke auch als Auswüchse des Kapitalismus und verlachte ihre historisierende Fassadengestaltung.

In der Diskussion um die amerikanischen Wolkenkratzer entlud sich die Ambivalenz, welche die Weimarer Republik den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Vereinigten Staaten von Amerika entgegen brachte. 1921 feierte der Soziologe und Journalist Siegfried Kracauer in der Frankfurter Zeitung den »schönen Turmhaus-Gedanken« als Antwort auf die Wohnungsnot in den Städten und als Ansatz zu einer effizienteren Organisation der Wirtschaftswelt; zugleich verurteilte er dessen Umsetzung jenseits des Atlantiks: »Die Häßlichkeit der New Yorker City ist jedermann bekannt. Turmartige Ungetüme, die ihr Dasein dem ungezügelten Machtwillen raubtierhaften Unternehmertums verdanken, stehen dort wild und regellos nebeneinander, außen und innen häufig mit einer prunkvollen Scheinarchitektur verkleidet, die ihren höchst profanen Zwecken in keiner Weise entspricht.«