Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, spricht über Geschmacksverfehlungen, Beteiligungsverfahren und eine Kultur des Dagegen-Seins.

Von Aline Löw und Benedikt Crone

Die Bundesstiftung Baukultur will seit 2007 in Deutschland das Bewusstsein für »Baukultur«  stärken – also für alles, was von Menschen gebaut oder geplant wurde, ob Museum, Reihenhaus, Sportplatz, Hängebrücke oder Autobahnkreisel. Reiner Nagel, seit 2013  Vorstandsvorsitzender der Stiftung, sprach mit uns über das gute Ungebaute, eine neue Bodenpolitik in Ballungszentren und die Verantwortung für das Toskanahaus am Stadtrand.

Stadtaspekte: Berlin hat gesprochen – das Tempelhofer Feld wird nicht bebaut. Was sagt dieser  Bürgerentscheid, der eine riesige Wiesenlandschaft einem Wohnungsbauplan der Politik vorzieht, über die Baukultur in Deutschland aus?

Reiner Nagel: Baukultur ist auch Prozesskultur, das kann man am Tempelhofer Feld sehen. Der alte Flughafen ist ein berlinischer Ort, dessen Status Quo für sich schon eine baukulturelle Qualität bietet. Aus planerischer Sicht birgt Tempelhof großes Potenzial zur Weiterentwicklung sowohl als Grünanlage als auch beim Thema Bauen. Ich habe aber Verständnis für die Befürchtung vieler Berliner, die sich offenbar gefragt haben: Was haben wir davon, außer dass dort etwa 5000 Wohnungen gebaut werden? Zahlen können sicher nicht begeistern, nur Qualität kann das – und die ist vielleicht nicht ausreichend erkennbar gewesen. 

Das Tempelhofer Feld ist also gute, nicht-gebaute Baukultur?

Ungebaute Projekte überwiegen tatsächlich in der Planungsrealität. Baukultur heißt, nicht alles zuzubauen, sondern einen Ort so zu qualifizieren, vielleicht auch nur temporär, dass er einen Beitrag zur Lebensqualität leistet. Das kann auch heißen, bewusst Chancen und Räume für zukünftige Generationen in der Stadt offen zu lassen. In Hamburg hat die Bürgerschaft aus einem ähnlichen Grund die Entwicklung des Domplatzes für ungewisse Zeit ausgesetzt, damit die nachfolgenden Generationen über den Platz entscheiden können.

Bürgerentscheide verhindern gern, selten gibt es eine Initiative für die Errichtung von etwas. Woher kommt diese Verweigerungshaltung?

Es gibt auch Bürgerentscheide für etwas, wie die Elbphilharmonie in Hamburg. Das war fast schon eine Bürgerbewegung. Die führte dann allerdings gleich dazu, dass die schlecht vorbereitete Politik mit den euphorisierten Bürgern in das Projekt regelrecht hinein strauchelte und einen desaströsen Prozessverlauf durchführte. Aber grundsätzlich stimmt es, dass es aktuell eine Kultur des Dagegen-Seins gibt. Gerhard Matzig hat darüber ein ganzes Buch geschrieben: »Einfach nur dagegen: Wie wir unseren Kindern die Zukunft verbauen«. Der Journalist registriert eine Haltung, vor allem unter den Älteren der deutschen Bevölkerung, nichts mehr ändern zu wollen, weil für sie alles gut ist. Ein verständliches, aber eben auch egoistisches Motiv.

In vielen Großstädten wird es eng, die Mieten steigen, Raum wird knapp. Wie sollte die Politik mit den städtischen Flächen umgehen?

Wir brauchen eine aktive Bodenpolitik, die nicht das Ziel hat, sich mit städtischem Eigentum eine goldene Nase zu verdienen. Ein Weg könnte sein, Teile des öffentlichen Grundes über eine Erbpacht von 60 bis 100 Jahren zu vergeben, entsprechend brauchen wir auf der anderen Seite auch bürgerschaftliches Engagement. In Berlin müssen bis 2025 rund 127.000 Wohnungen in unterschiedlichen Marktsegmenten entstehen: selbst genutzte, genossenschaftliche, experimentelle. Ich plädiere auch für eine Experimentierklausel in der Stadtentwicklung. Man könnte 10 Prozent des Wohnungsbedarfs mal ganz anders angehen und bewusst Ausnahmen produzieren.

Die Mehrzahl der Baumaßnahmen in Städten wird derzeit von Investoren und Projektentwicklern bestimmt. Wie kann man Großinvestoren in der Innenstadt sowie Häuslebauer/innen am Stadtrand eine Verantwortung für Baukultur nahelegen?

Ich unterstelle niemandem, dass er oder sie mit Absicht etwas Hässliches baut. Das Ergebnis hängt neben dem persönlichen Geschmack auch mit den Motiven hinter der Investition zusammen. Der Investor ist zunächst an der Kapitalrendite und niedrigen Baukosten interessiert. Es entstehen dann häufig gesichtslose Investitionsarchitektur die in einem engen Markt dennoch Abnehmer findet. Beim Häuslebauer überwiegt meist das Sicherheitsmotiv, also sich finanziell nicht übernehmen zu wollen. Deswegen entscheiden sich viele etwa für ein Fertighausprodukt mit Kostensicherheit, anstatt für eine regional angepasste Architektur. Eine Flexibilität in der Gestaltung kann beispielsweise Rücksicht auf den Geländeverlauf nehmen, auf die Nachbarschaft und auf anderen Eigenheiten. Diese Architektur kann sich einfügen, wohingegen Fertighäuser einfach da abgesetzt werden, wo es gewünscht ist.

Offenbar sind diese Kataloghäuser aber weder Nachbar/innen noch Bewohner/innen ein Dorn im Auge. Es werden zumindest nicht weniger.

Verwunderlich finde ich tatsächlich, dass in Deutschland so viel banale Alltagsarchitektur gebaut wird, obwohl teilweise sogar eine baukulturelle Pädagogik gelehrt wird. In Neubaugebieten könnten strengere Gestaltungssatzungen dem entgegenwirken und verhindern, dass das Toskanahaus neben dem Friesenhaus und das schwarze Ziegeldach neben dem Solardach errichtet werden. Diese Unangemessenheit in der Nachbarschaft ist das Ergebnis eines starken Trends der Individualisierung. Die Einstellung, dass das eigene Haus keine egoistische Angelegenheit ist, sondern Gemeinwohl-orientiert sein sollte – wie Eigentum generell – ist weitgehend abhanden gekommen.

Warum?

Vielleicht ist unsere Gesellschaft generell wenig am Allgemeinwohl orientiert. Zumindest fehlt ein gesellschaftlicher Konsens über eine regionale Bauweise, was sicherlich damit zu tun hat, dass jedes Material überall zur Verfügung steht, wohingegen es früher in einer Region nur Ziegel gab, in einer anderen Fachwerk, oder bestimmte Dachformen, die abhängig vom Klima waren. Ich wünsche mir einen stärkeren Konsens zu Materialen, Bauformen, Farbkontext. Das kann durch eine gute Stadtplanung gesichert werden, wird von Investoren aber oft als Hemmnis empfunden.

Montage eines Fertighauses

Sehen Sie denn bei den Kommunen und Städten einen Konsens für die Ästhetik oder auch die Prozesskultur bei Bauvorhaben?

Wir sind da zumindest auf dem richtigen Weg. Vorreiter sind die großen Städte, die mit Fachpersonal ausgestattet sind, auch wenn das immer weniger wird. Kleine Städte und ländliche Regionen haben es dagegen schwerer. Der Anspruch, eine gute Qualität zu bauen, ist wahrscheinlich da, aber das Know-How fehlt. Diese Städte müssen sich dann mit fachunkundigem Personal behelfen – oder ein Bürgermeister trifft mehr oder weniger qualifizierte Einzelentscheidungen. Wir versuchen im Rahmen unseres Forschungsprojekts »Baukultur konkret« Lösungen zu finden, indem wir mit mobilen Gestaltungsgremien von Ort zu Ort fahren, die in den Kommunen unterstützen und informieren. Kommunikation ist natürlich wichtig. Leider haben manche Architekten die Eigenart, ihre Arbeit nicht ausreichend erläutern zu können.

Es gibt seit letztem Jahr ein Bundesministerium für »Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit«. Dazu gesellt sich auch der Bereich »Bauen«. Teilen Sie den Eindruck, dass das Thema Stadt und die gebaute Umwelt noch immer von Ministerium zu Ministerium weitergereicht wird – wie das ungeliebte Kind der Bundespolitik?

Ob der Bereich unbeliebt ist, weiß ich nicht. Die Bedeutung der baulichen Themen nimmt aber seit dem Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin unter dem Umweltminister Klaus Töpfer, der sich selbst als Bauminister bezeichnete, gefühlt eher ab. Damals war die Ministerrolle mit einer Bauherrenrolle verbunden. Man entschied sich für stadtintegrierte Lösungen, so dass die einzelnen Ministerien internationale Wettbewerbe ausschrieben und ihre Bautätigkeit zur öffentlichen Diskussion stellten. Aber wir dürfen auch den Einfluss des »Verkehrsministeriums« nicht übersehen: Straßen-, Brückenneubau und -sanierung tragen auch heute einen erheblichen Anteil zur Baukultur eines Landes bei.

Welche Rolle spielt dabei die noch recht junge Bundesstiftung Baukultur?

Wir stehen mit unserer Arbeit noch am Anfang und müssen uns realistische Ziele setzen. Wir möchten aber, dass Baukultur als Thema eine größere Relevanz bekommt. Wir haben uns deswegen entschieden, alle zwei Jahren den Bericht zum Stand der Baukultur in Deutschland herauszubringen, um regelmäßig zu überprüfen, ob ein größerer Teil der Öffentlichkeit in der Lage ist, den Begriff Baukultur mit Inhalten zu füllen, aber auch, ob das Bewusstsein für den Wert des öffentlichen Raums, für den Bestand oder eine angemessene Sanierung gewachsen sind. Baukultur ist eine Haltung und wenn diese Haltung von mehr Menschen eingenommen wird, dann haben wir viel erreicht.

Mehr Informationen zur Bundesstiftung unter Bundesstiftung-Baukultur.de

Foto: Till Budde, Bundesstiftung Baukultur