Eine Sanierung sollte das Hamburger Weltquartier energetisch auf den neusten Stand bringen. Dabei galt es, die Wünsche der hier lebenden Menschen zu berücksichtigen. Fühlen sich die Bewohner/innen in ihrem neuen Backsteinviertel wohl? Wir haben nachgefragt.

Befragung und Fotos von Daniel Hofer,erschienen in „Neue Räume – Baukultur in Deutschlands Städten“

Das Weltquartier im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg hatte lange Zeit ein Image wie der Ruhrpott: qualmende Schornsteine, industriell genutzte Wasserstraßen, eng bebaute Wohnquartiere mit wenig Luft – aber auch eine vielfältige Bewohnerschaft. Eine Sanierung im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) sollte das Viertel wortwörtlich vom alten Ruß befreien und energetisch auf den neusten Stand bringen. Vor allem aber galt es, die Wünsche der hier lebenden Menschen aus über 30 Herkunftsländern zu berücksichtigen. Ein Gang durch das neue, gepflegte Backsteinquartier zeigt: Die Ziele scheinen erreicht, die Sanierung geglückt. Aber fühlen sich die Bewohner/innen hier auch wohl? Wir haben nachgefragt, ob das neue alte Viertel zu ihrer Heimat geworden ist.

 

»Heimat ist dort, wo ich lebe, wo ich arbeite, wo ich Familie habe. Deutschland ist Heimat, Türkei ist Urlaub.«


Gül Aslan
hat gerade ihre Schicht in einem Edeka-Supermarkt beendet und ruht sich auf einer Bank vor ihrem Wohnhaus aus. Seit 1983 lebt sie in Wilhelmsburg. Ihr neues Haus steht in derselben Straße wie ihr altes, das für die Neuplanung des Weltquartiers abgerissen wurde. Die modernisierten Bauten sind sehr hellhörig, findet Frau Aslan. Es werde niemals wirklich ruhig. Da einige Stellplätze neuen Grünflächen weichen mussten, ist es auch schwer, einen Parkplatz im Quartier zu finden. Sie gibt bestimmt die Hälfte ihres Einkommens für Knöllchen aus, scherzt sie.

 

»Deutschland – und Hamburg«


Familie Aktung lebt erst seit einem Jahr in Wilhelmsburg. Der Vater, Hakki Aktung hat eine Stelle beim Sicherheitsdienst im Flughafen. Oft arbeitet er vormittags zusätzlich bei einer Firma für Autovermietung. Nur selten hat er einen Tag am Wochenende frei. Die Familie schätzt am Weltquartier vor allem die günstige Miete und die vielen Spielplätze. Dafür mangelt es an Parkplätzen und in manche Keller wurde eingebrochen. Auch ihnen wurde schon ein Autospiegel geklaut. Das ist Hakki Aktung in Hamburg-Altona, wo er aufgewachsen ist, nie passiert.

 

»Ghana ist meine Heimat, in Deutschland gehört man nie ganz dazu.«

Man ist in diesem Land immer die Schwarze – und in Hamburg dazu immer die Wilhelmsburgerin, sagt Juliane Kolako. Die aus Ghana stammende Frau wollte mit ihrem 25-jährigen Sohn, der Flugzeugingenieurwesen studiert, aus Wilhelmsburg in einen anderen Stadtteil ziehen. Doch ihr Sohn sah keinen Anlass. Sie hätten doch schon immer hier, im »Ghetto«, gewohnt. Juliane Kolako schätzt an ihrem Wohnort vor allem die Nähe zum Hafen. Dort arbeitet die gelernte Friseurin als Reinigungskraft. Für die Sanierung des ehemaligen Hochbunkers auf Wilhelmsburg anlässlich der IBA hat sie wenig Verständnis. Den über Jahre gealterten und geschwärzten Bunker fand sie natürlicher – nicht so »nackt« wie der neue.

 

»Heimat ist dort, wo ich bin.«

Ludwig Kott betreibt seit März 2014 das Bistro »Der Smutje« im südlichen Teil des Weltquartiers. Das Lokal gehört zum Weltgewerbehof, in dem sich gezielt Kleinstbetriebe ansiedeln sollen. Ludwig bietet in seinem Bistro einen wechselnden Mittagstisch für die Menschen an, die in der Nähe arbeiten. Der gelernte Koch wohnt selbst im Weltquartier, nur ein paar Meter von seinem Arbeitsplatz entfernt. Er schätzt an der Gegend vor allem den Austausch mit anderen, jungen Unternehmern. Manchmal treffen sie sich bei einem Bierchen am Abend. Weil viele zur selben Zeit nach Wilhelmsburg gezogen sind, fühlt man sich nicht als Neuling, sagt Ludwig. Oft dauert es allerdings noch zu lange, bis eine Behörde neuen Unternehmern eine Genehmigung ausstellt.

 

»Meine Großmutter und die Klöße, die sie für uns machte«


Paulina Pomana kam im Alter von neun Jahren mit ihrer Familie aus Polen nach Hamburg. Sie ist bereits quer durch die Stadt gezogen, von einem ärmeren Viertel ins nächste. In ihrer Küche steht als Erinnerung an ihre Kindheit eine alte Kartoffelpresse, die früher für die Zubereitung von Klößen gebraucht wurde. Neben der polnischen Kultur verbindet Paulina Pomana »Heimat« vor allem mit ihrer Familie und ihren Freunden, mit dem Zusammenhalt der »polska crowd«, wie sie sagt. Die Pilates-Trainerin wohnt mit ihrem Freund und ihrer zweijährigen Tocher im Weltquartier, das sie als »Gesamtpaket« mag. Begeistert ist sie von den vielen außergewöhnlichen Spielplätzen.

 

Dieser Beitrag erscheint auch in der Stadtaspekte-Ausgabe »Neue Räume«.