Iwan Baan war ein Jahr in der Welt unterwegs, um Gebäude berühmter Architekten zu fotografieren. Daraus ist ein visuelles Reisetagebuch entstanden, das für die Vielfalt städtischen Lebens steht.

Von Stefanie Roenneke

Am 29. Oktober 2012 traf Hurrikan Sandy auf die Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika. Zur gleichen Zeit befand sich der niederländische Architekturfotograf Iwan Baan in New York. Er sollte das von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entworfene Parrish Art Museum auf Long Island fotografieren. Der Termin wurde aufgrund des Sturms abgesagt, Iwan Baan blieb trotzdem. Vom Sturm verängstigt und fasziniert zugleich, fotografierte er die Stadt aus der Luft. Entstanden ist ein ikonisches Bild von Manhattan bei Nacht. Darauf liegt der untere Teil der Insel komplett im Dunkeln, nur im Hintergrund zeigt sich die gewohnte ewige Schlaflosigkeit der Metropole – signalisiert durch Millionen Lichter. Das Bild ging um die Welt, wurde zum Symbol für die Gewalt des Tropensturms.  Nun ist es Teil der Ausstellung »52 Wochen, 52 Städte«, die im Marta Herford gezeigt wird.

Iwan Baan gilt als »the most peripatetic architectural photographer in the world as well as one of the most widely published«, wie der Architekturkritiker Fred A. Bernstein in der »New York Times« schreibt. Denn Baan ist ununterbrochen unterwegs. Selbst die Bildbearbeitung erfolgt im Flugzeug. Als ein Schlüsselmoment für diese »radikale Existenz« benennt der Autor Jörg Häntzschel im Katalog zur Ausstellung die Arbeiten für Rem Kolhaas’ Büro OMA und für Herzog & de Meuron in Peking. Um die Entstehung des CCTV Towers und des Pekinger Nationalstadions zu begleiten, reiste Baan alle paar Wochen nach China. Er avancierte so zum Hausfotografen dieser weltweit führenden Architekturbüros.

Architektur im lokalen Kontext

Das Besondere an seinen Bildern ist, dass er Gebäude nicht mehr als »auratische Säule[n]« abbildet, sondern Architektur im lokalen Kontext darstellt. »Ich habe nie verstanden, warum Architekten in ihren Renderings immer jede Menge Leute zeigen, doch wenn das Gebäude fertig ist, lassen sie es fotografieren als seien alle gerade nach Hause gegangen. […] Mich interessiert ein Gebäude, wenn die Architekten und die Planer abgezogen sind«, wird Baan von Häntzschel zitiert. Dabei entstehen Bilder, welche die eisbergartige Form eines Gebäudekomplexes im dänischen Aarhus betonen oder ein Bootshaus in den Niederlanden wie eine Origami-Skulptur wirken lassen. Zudem rückt Baan immer wieder die Menschen ins Blickfeld, wodurch seine Arbeiten nicht nur in Bezug zu berühmten Architekturfotografen wie Ezra Stoller und Julius Shulman gesetzt werden, sondern auch zu Fotojournalisten wie Diane Arbus und Henri Cartier-Bresson.

Da sich Baan oft der Luftaufnahme bedient, werden die jeweiligen Eigenarten einer Region bildlich erfahrbar gemacht. Sei es São Paulo mit einem unendlichen Meer an Hochhäusern, die trostlosen Ausläufer von Philadelphia, oder ein seltener Blick auf Peking. Frei von Dunst und Smog offenbart sich hier eine scheinbar grenzenlose Stadt, bestehend aus gewaltigen Hochausgebieten und ländlichen Flächen, deren Struktur untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden ist. In der chinesischen Provinz Henan sind es wiederum die unterirdischen Höhlenwohnungen, in denen einst bis zu 40 Millionen Menschen gelebt haben, welche die Landschaft prägen. In Lagos fotografierte Baan das Slum Makoko, wo 150.000 Menschen in Pfahlbauten auf dem Wasser leben. Und in Kairo zeigt sich, wie die Zabaleen, die als inoffizielle Müllsammler der Stadt fungieren, ihre Umgebung durch ihren Beruf und ihre Tradition gestalten.

Die Ausstellung, sowie der Katalog stellen zum einen ein visuelles Tagebuch des Fotografen Baan dar. Es sind fotografische Zeugnisse der Umtriebig- und Rastlosigkeit, die jedoch niemals flüchtig oder oberflächig wirken. Das liegt auch an den kleinen Texten, die Baan jedem Bild beisteuert. Kleine Notizen voller Respekt über das, was vor ihm liegt. Zum anderen wird erneut Baans Anspruch deutlich, Gebäude stets nur als Hintergründe zu begreifen. Denn im Zentrum seiner Arbeiten steht die Entwicklung dieser Gebäude im sozialen Kontext. »52 Wochen, 52 Städte« ist somit auch ein faszinierendes Beispiel für 52 Varianten städtischen Lebens.

 

»52 Wochen, 52 Städte. Fotografien von Iwan Baan« im Marta Herford. Bis zum 30. März 2014

 

Ausstellungskatalog im Kehrer Verlag
Iwan Baan
52 Wochen, 52 Städte
136 Seiten, 60 Farbabbildungen
ISBN 978-3-86828-477-5

 

 

 

Fotonachweise:
Iwan Baan, Hurrikan Sandy 2012, aufgenommen 24 Stunden nach dem Sturm in New York
Cover Ausstellungskatalog, Iwan Baan, 52 Wochen, 52 Städte, Kehrer Verlag, Heidelberg