Das 3D-Filmprojekt »Kathedralen der Kultur« widmet sich sechs besonderen Bauwerken, die von namenhaften Regisseuren in Szene gesetzt wurden – darunter Wim Wenders und Michael Glawogger.

von Stefanie Roenneke

Im Alltag sind sie oftmals einfach nur da. Sie öffnen ihre Türen, lassen uns herein und dienen uns – stumm. Der Mensch fragt sich selten: »Wer bist du eigentlich?« Das gilt für Wohnhäuser als auch für jene Häuser, die für besondere kulturelle Zwecke geschaffen wurden.

Also: »Wer bist du eigentlich und warum bist du so?«, könnte die Frage an die Berliner Philharmonie lauten, die neben fünf weiteren Bauwerken in »Kathedralen der Kultur« portraitiert wird. Eine mögliche Antwort darauf versucht Wim Wenders zu geben, indem er die Philharmonie sprechen lässt. Sie kennt ihre Vergangenheit wohl am besten. Und so erzählt sie eine typische Berliner Nachkriegsgeschichte.

Der kürzlich verstorbene Michael Glawogger hat sich der russischen Nationalbibliothek gewidmet, lässt weniger das Gebäude als viel mehr die Bücher sprechen. Ihr Flüstern, das im starken Kontrast zu der Unruhe in St. Petersburg steht, begleitet die Fahrt durch ein unendlich scheinendes, marodes Labyrinth aus Regalen und Zettelkästen. Der Zuschauer versinkt in alte Bücher und fällt aus der Zeit – bis er wieder ins Jetzt katapultiert wird.

Mit dem Salk-Institut in Kalifornien, dem Osloer Opernhaus und dem Centre Pompidou in Paris werden weitere Architekturikonen vorgestellt, die als Hochburgen für Kunst und Wissenschaft gelten. Robert Redford beispielsweise betont die sakrale Wirkung des Salk-Instituts, die von der Architektur stärker ausgeht als von den Mitarbeitern, die zu Wort kommen. Doch »Kathedralen der Kultur« schließt auch das Halden Gefängnis in Norwegen mit ein, das von Michael Madsen in Szene gesetzt wurde. In dieser Episode spricht erneut das Gebäude zum Zuschauer und berichtet von seiner Notwendigkeit.

In jeder Episode ist der Zuschauer vor allem eins: Besucher, der wundersam durch die Gebäude gleitet und nie stört. Mal darf er den Wärtern auf hellen Fluren folgen und muss Insassen ins Auge blicken, dann ›attestiert‹ er eine Bibliothekarin bei der Arbeit, blättert in alten Büchern, rennt mit einem Jungen durch die Philharmonie, schlängelt sich galant an Tänzern vorbei, oder lässt sich einfach von den Bildern beeindrucken. Das Zuschauen kommt einem aktiven Wandeln im Gebäude gleich. Ein Effekt, der in 2D funktioniert und in 3D noch verstärkt wird.

Es ist diese Dynamik und die Zusammenstellung der sechs Episoden. wodurch die Gesamtlänge des Films von fast drei Stunden in Vergessenheit gerät. Und am Schluss steht vielleicht der Wunsch, die Gebäude in seiner Umgebung etwas näher zu betrachten.

 

Kathedralen der Kultur
Regie von Wim Wenders, Michael Glawogger, Michael Madsen, Robert Redford, Margreth Olin, Karim Ainouz.
Länge 156 Minuten, Format 2D und 3D DCP.
Ab dem 29. Mai 2014 im Kino.

Fotos:
Wim Wenders, Berliner Philharmonie 2013.
Ali Olcay Gozkaya, Centre Pompidou 2013.