Mehr als 300.000 Menschen bewohnen die Friedhofsanlagen von Kairo. Während die einen Begräbnisse zelebrieren, leben die anderen in direkter Nachbarschaft zwischen und über den Gräbern ihren Alltag. Muslimisch geprägte Kulturen tabuisieren das Leben auf dem Friedhof nicht – sie schließen es in temporärer Form sogar fest in ihre Trauerrituale ein.

Text von Mona Wischhoff / Fotos von Peggy Wellerdt

 

Die Luft flirrt in der Hitze. Ein Teppich aus Ruß und trockenem Dunst hat sich über die Dächer gelegt. Überall ist dieser Sand: feiner Staub und grobe Körnchen, ockergelb bis aschgrau. Der Staub komme von den Toten, sagt man in Al-Qarafa. Auf diesem zehn Kilometer langen Streifen Land mitten in Kairo trennen nur ein bis zwei Meter Sand die Lebenden von den Verstorbenen. In den europäischen Reiseführern heißt dieser Ort deshalb auch die Totenstadt. Al-Quarafa ist Kairos Friedhof und zugleich Wohnviertel für jene, die auf dem Mietmarkt keine Chance haben. In einer Stadt, die zwischen 1950 und 1990 ihre Einwohnerzahl vervierfacht hat, ist Wohnraum knapp und vor allem für die mittellosen Landflüchtigen unbezahlbar. Diese immense Wohnungsnot in der nordafrikanischen Metropole hat einen großen Anteil an der Friedhofsbesiedlung. In der ägyptischen Kultur ist die räumliche Nähe von Leben und Tod jedoch keinesfalls unbekannt.

 

Im Neben- und Miteinander von Bestattung und Alltag

Die Angst vor dem eigenen Tod ist eine anthropologische Konstante. Jede Kultur entwickelt eigene Rituale und Mythen im Umgang mit diesem Urproblem. Streng gläubige Muslim/innen folgen in Ägypten traditionell einer 40-tägigen Trauerzeit. In unmittelbarer Nähe zum Grab des oder der Toten verbringen die Angehörigen in dieser Zeit ihren Alltag, um die Verstorbenen bei ihrem Weg zu den Ahnen zu begleiten. Noch lange nach dem Tod – so will es die Tradition – kommen Angehörige an das Grab ihrer Familienmitglieder, um dort zu kochen, zu schlafen und den Toten so Gesellschaft zu leisten. Abhängig vom Wohlstand der Familie sind diese letzten Ruhestätten unterschiedlich opulent gestaltet. Oft sind sie als komplette Hofanlagen angelegt und beherbergen neben mehreren Grabstätten auch Räume für die Angehörigen und ihre Grabwächter. Verzierte Eingangstore und massive Mauern begrenzen die Anlagen nach außen. Vom Innenhof gehen die bewohnbaren Räumlichkeiten ab, unterirdisch gelangt man von dort in die Familiengruften.

 

Das gängige Ritual der Totenwache schließt ein temporäres Wohnen in unmittelbarer Nähe zu den Gräbern bereits ein. Der Schritt zum dauerhaften Wohnen ist deswegen nicht groß. Einige Aufzeichnungen belegen, dass bereits seit dem 13. Jahrhundert Wächter zum Schutz der prächtigen Grabanlagen eingesetzt wurden. Im Gegenzug konnten sie mit ihren Familien vor Ort mietfrei wohnen. Heute sind die Grabwächter jedoch längst nicht mehr die einzigen Ansässigen. Zählte man 1947 noch um die 50.000 Menschen, die bei den Gräbern lebten, sind es mittlerweile über 300.000. Vor allem ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann sich das Viertel in Kairo fundamental zu wandeln. Die Sueskrise und die folgende israelische Besetzung der Sinai-Halbinsel trieben ab den 1960er Jahren Flüchtlinge in die ägyptische Hauptstadt. Andere kamen aus ihrer ländlichen Heimat in der Hoffnung auf Arbeit und Wohlstand. Weil es an bezahlbarem Wohnraum schon damals mangelte, wichen viele Neuankömmlinge auf den informellen Wohnungsmarkt in Al-Qarafa aus. Die einen zogen in verwaiste Grabanlagen und passten diese ihren Bedürfnissen und Lebensgewohnheiten an. Andere besetzten Baulücken zwischen den Gräbern, um dort aus Holz und Wellblech die eigene Wohnhütte zu errichten.

 

Einige Grabbesitzer/innen nutzen heute die prekäre Lage der Neu-Kairoer für sich und vermieten ihnen die Grabanlagen ihrer Familien. Die Bewohner/innen können sich indes auf keinerlei Mieterrechte verlassen: bei Kündigungen haben sie die weitaus schlechtere Verhandlungsbasis. Die Stadtverwaltung hat kein Interesse daran, die Mieter/innen zu stärken. Sie duldet die Besiedlung zwar, lässt jedoch keine Möglichkeit unversucht, die Bewohner/innen zu einer Umsiedlung zu bewegen. Öffentlich geförderte Wohnungsbauprojekte in der Peripherie von Kairo richten ihr Angebot gezielt an die Friedhofsbewohner/innen, diese reagieren jedoch eher verhalten. Vielmehr arrangieren sie sich mit ihrem Wohnort und verdienen teilweise sogar ihren Lebensunterhalt mit dem Friedhofsgeschäft: Als Steinmetze bieten sie Grabmäler an, andere heben als Totengräber Gruften für die Hunderte von täglichen Bestattungen aus oder betten exhumierte Leichen um. Ob das Gelände nun mehr ein Wohnviertel oder ein Friedhof ist, lässt sich kaum noch sagen, die räumlichen Funktionen überlagern sich längst. Der umherschweifende Blick bestätigt das: Zwischen den Grabsteinen sind Wäscheleinen gespannt, Kinder spielen in Schreinen und Mausoleen Verstecken, Männer buhlen, am Grabstein lehnend, um die Aufmerksamkeit vorbei laufender Frauen. Eine Hierarchie zwischen Trauernden und Ansässigen zeigt sich noch, wenn der Markt die lehmigen Straßen einnimmt. Sobald eine Trauerprozession den Weg für sich beansprucht, muss die Feilscherei weichen und der Zeremonie ihren Raum geben.

 

Der Friedhof als Setting für Horrorfilme

Solch ein geselliges Treiben ist auf christlich-europäischen Friedhöfen kaum denkbar. Auf diesen gelten, so schreibt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho in Tod und Trauer im kulturwissenschaftlichen Vergleich, eine Vielzahl von Tabus, moralischen Pflichten und Gesetzen. Der Pietätsgedanke beherrscht das Verhalten: Die Stimme ist zu senken und man hat vom Fahrrad abzusteigen. Die europäische Kulturgeschichte blickt auf  jene melancholische Einsamkeit des Friedhofs zurück, wie sie von den Romantikern zelebriert wurde und zum Beispiel aus Caspar David Friedrichs Bildern spricht. Sein menschenverlassener Klosterfriedhof im Schnee inmitten dunkler Bäume und wuchernder Natur zeigt das Musterbild eines Friedhofs aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert erhält diese Atmosphäre dann Einzug in den Trash-Horrorfilm der 60er Jahre. George A. Romeros Zombie-Kult-Klassiker Night of the Living Dead markiert hier nur den Anfang. Bis heute dient die morbid-makabre Anmutung von Friedhöfen sämtlichen Genres als Projektionsfläche für kulturell geprägte Ängste. Solche Fantasien von Amerikanern oder Europäern sind den Friedhofsbewohner/innen in Kairo fremd – aber dennoch haftet dem aus der Not heraus angeeigneten Wohnraum in der Kairoer Gesellschaft ein Stigma der Armut an. Und so beschneidet der Wohnort Al-Qarafa als Armenviertel der Stadt berufliche Aufstiegschancen und gesellschaftliche Teilhabe außerhalb der Friedhofsmauern. Ein Leben unter Lebenden ist demnach bei aller kulturellen Akzeptanz auch hier die erste Wahl.

 

Erschienen in Stadtaspekte #03.

Peggy Wellerdt studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie in Wismar und ist verantwortliche Bildredakteurin bei Stadtaspekte. Außerdem ist sie Teil des Cartel Collective (www.cartelcollective.de). Friedhöfe mag sie gern, obwohl sie bei Friedhof der Kuscheltiere noch immer Gänsehaut bekommt.

Mona Wischhoff studiert Kulturwissenschaft/en in Lüneburg und Berlin und ist Textredakteurin bei Stadtaspekte. Zurzeit arbeitet sie zum Nachleben des Romantischen in der Gegenwartskultur.