Höflichkeit im Hupkonzert.

Unsere Autorin Irina Muschik ist derzeit als Backpackerin in Asien unterwegs. Ihr Weg führte sie auch in die georgische Hauptstadt Tiflis, wo sie eine abenteuerliche Reise mit dem öffentlichen Nahverkehr unternahm.

Ein Uhr mittags, die Sonne brennt sich mit gnadenlosen 33 Grad Celsius in die Haut, während tausende Schwalben lärmend ihre Kreise ziehen. In Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, bin ich auf der Suche nach der Buslinie Nummer 3. Der Liniennetzplan gibt keine Auskunft, da es ihn schlichtweg nicht gibt. Georgier orientieren sich scheinbar auf magische Weise oder durch über Generationen tradiertes Wissen.

Lateinische Schrift sucht man in Georgien vergebens – die Landessprache hat eine eigene, dem Aramäischen entstammende Schrift, die für unbedarfte Gäste bisweilen wie kryptische Zeichen aus einer anderen Dimension wirkt.

Nach einigem Suchen finde ich heraus, dass die Linie 3 am Achmeteli-Theater im westlichen Stadtrandbereich startet. Ein Zickzack-Manöver durch die engen Gassen eines chaotischen Basars, in denen sich gefälschte Turnschuhe bis unter das Wellblechdach stapeln, bringt mich zur gesuchten Bushaltestelle. Die Reise kann beginnen.

Tiflis hat 1,25 Millionen Einwohner und liegt in einem Talkessel südlich des Kaukasusgebirges am Fluss Mtkvari. Wie viele seiner Einwohner in einen Bus passen, weiß ich nicht, doch die zugelassene Personenzahl wird hier regelmäßig überschritten. Heute zum Glück nicht. Trotzdem überlassen zwei Jugendliche mir und einer älteren Dame ihre Plätze und diese Höflichkeit ist hier durchaus üblich. Unter einigem Gerumpel des betagten Gefährts geht die Fahrt los. Die graubraune Farbpalette der Sowjet-Wohnblocks fügt sich harmonisch in die staubige Landschaft. Die einzigen Farbkleckse in dieser Gegend bilden rot-weiß gestreifte Plastiktüten und die grünen Zweiliter-Plastikbierflaschen im Straßengraben.

Im Bus hingegen geht es bunter zu. Die Frauen tragen zu ihren Kostümen und Röcken Nagellack in den Farben der Saison: knallrot und pink, oft perlmutt, seltener mauve oder lachsfarben. Ganz Wagemutige entscheiden sich für ein kräftiges Blau. Im Gegensatz zu den immer schicken Damen bevorzugen die stolzen kaukasischen Herren einen eher sportlichen Dress. Turnschuhe, Jeans und T-Shirt sowie Joggingbuchse und Schlappen sieht man hier häufiger als Hemd und Anzughosen.

Nachdem wir die Wohnblocks hinter uns gelassen haben, geht es über eine der breiten Einfallstraßen Richtung City. Die Fahrbahnmarkierungen werden ignoriert und regelmäßig wird eine dritte Spur aufgemacht. Dazu hat sich ein ausgefeiltes Hupsystem entwickelt: grob lässt sich zwischen dem kurzen positionsanzeigenden, dem mittellangen Überholungs- und dem langen, aggressiven „Fahr du Sau!“-Hupen unterscheiden. Dass hier so wenig Unfälle passieren, grenzt an ein Wunder. Vor ein paar Jahren wurde außerdem aus wahltaktischen Gründen der TÜV abgeschafft. Rechts neben uns überholt ein Auto ohne Front- und Heckschürze, das nächste hat keinen Seitenspiegel.

Ab der nächsten Haltestelle fahren im Türschwenkbereich zwei große blaue Müllsäcke voller Blumenkohlköpfe mit. Sie und ihr stämmiger Besitzer sind wohl auf dem Weg zu einem der größeren Basare. Als wir den Fluss überqueren, bekreuzigen sich viele Mitfahrer in Richtung einer Kirche am Ufer. Die Grünflächen zwischen den Betonbauten werden nun häufiger und immer mehr Leute steigen aus. Ich nähere mich wohl dem Endziel, das ganz in der Nähe des wichtigen Didube-Verkehrsknotenpunkts liegt. Ganze vierzig Minuten dauerte die Fahrt, die mich nur 30 Tetri (etwa 15 Cent) gekostet hat.

Der Soundtrack zur Fahrt: Al Bano & Romina Power – Felicita; Vakhtang Kikabidze – Popuri; PornoPoezia – Dro rogor gavida.

Irina Muschik ist 32 und bereist derzeit als Backpackerin Asien und den weiten Osten Europas. Dort sucht die Biologin in Naturschutzparks und Städten interessante Begegnungen mit Mensch und Tier. In Tiflis nutzte sie die Chance, auf der Suche nach der Linie 3 die Stadt in ihrer ganzen Vielfalt kennenzulernen.

 

Der Artikel von Irina Muschik ist erschienen in Stadtaspekte #01.

Foto: © Irina Muschik