Eine Ausstellung am Bauhaus Dessau widmet sich der Bauhausbühne, die nach einem schöpferisch-produktiven Verhältnis von Mensch und Maschine forschte.

Das Triadische Ballett, Inszenierung von Oskar Schlemmer, Neufassung von Gerhard Bohner. Tänzerin: Colleen Scott, Foto © Gert Weigelt

Von Mona Wischhoff

Angesichts des noch jungen Maschinenzeitalters forderte Walter Gropius 1923 für seine Hochschule für Gestaltung euphorisch »Kunst und Technik – eine neue Einheit«; zu jener Zeit ein Widerspruch in sich. Im Bauhaus werden technische Konstruktionen als ästhetisch wertige Objekte neu gedacht. Bekannt sind heute vor allem die Vorstöße in Architektur und Produktdesign. Die Bauhausbühne wurde bisher allerdings weniger beachtet. Die Ausstellung Mensch-Raum-Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus, die noch bis zum 21. April 2014 am Bauhaus Dessau zu sehen ist, greift ein und ergänzt das Bild. Die Kuratoren Torsten Blume und Christian Hiller zeichnen das Bauhaus als interdisziplinäres, künstlerisches und hochgradig experimentelles  Forschungslabor in einer ansonsten verunsicherten Gesellschaft.

Die traumatischen Erinnerungsbilder aus dem Ersten Weltkrieg sind noch plastisch und kaum verblasst. Die Brutalität der Kriegsführung feierte dank technisch-maschineller Fortschritte traurige Rekorde: Giftgas, Maschinengewehre, rollende Panzer. Was – fragte man sich am Bauhaus – ist der neue Mensch im Zeitalter der Maschinen? Als Kulisse dieser Avantgardekunst hat man sich ein Setting vorzustellen, wie es im Filmklassiker Berlin – Die Sinfonie einer Großstadt 1927 von Walter Ruttmann dokumentiert ist: In den Fabriken dominieren monumentale Maschinen aus Stahl. Nie ruhend, automatisiert, mechanisch und somit in präzisen Bewegungen arbeiten sie sich durch die Massenproduktion. In der Ausstellung vermitteln Ausschnitte aus Filmen jener Zeit, wie Fritz Langs dystopischer Epos Metropolis, prologisch die damals kursierenden Sorgen vor der maschinell gesteuerten Unterdrückung menschlicher Individualität.

Maschinengefühl statt Maschinenherrschaft

Im Hauptteil der Ausstellung kontrastieren die Kuratoren die Szenarien einer Maschinenherrschaft geschickt mit den utopischen Ideen, die am Bauhaus kursierten. Vielfältige Materialien bestehend aus Originalen und Reproduktionen, aus Konzeptentwürfen, Bühnenbildskizzen, Farbstudien, Bühnenmodellen, Apparaturen und Filmaufnahmen betonen und akzentuieren die Bedeutung der Bühne für das Gesamtprojekt Bauhaus. Man merkt schnell: Hier wurde weder die Sehnsucht nach einer vergangenen, technikfreien Welt ausgelebt noch wurde die Technik als Heilsbringerin gehuldigt. Vielmehr forschte man progressiv nach einem schöpferisch-produktiven Verhältnis von Mensch und Maschine. Der Bau als Bühne, Inszenierung von Oskar Schlemmer, 1928. Foto von Erich Consemüller © Stiftung Bauhaus Dessau

Als fundamental wichtiger Kopf für die Bauhausbühne wird Oskar Schlemmer mit seinem Werk präsentiert. Die Präsenz Schlemmers in der Ausstellung ist vor allem auch deshalb bemerkenswert, weil Rechtsstreitigkeiten zwischen den Erben seine Arbeiten zu höchst raren Ausstellungsobjekten machen. Und das trotz seiner großen Bedeutung. 1923 übernahm er von Walter Gropius die Leitung der Bauhausbühne; in den Folgejahren sollte er sie maßgeblich prägen. Von ihm stammt der etwas verängstigende, aber euphorisch gemeinte Ausspruch: »Das Bauhaus baut nach ganz anderer Seite hin, als erwartet wird; nämlich den Menschen.« Der Weg hin zum neuen Menschen in der neuen Welt, das heißt zu einem adäquaten Mensch-Maschine-Verhältnis, führt bei Schlemmer über das Einfühlen in die Technik. Für diese körperliche Transzendierung entwarf Schlemmer Kostüme aus überdimensionalen Holzgliedern, die mal amorphe, mal kubische Formen annehmen.

Bühne als abstrahierter öffentlicher Raum

Von Studierenden aus São Paulo wurden diese Kostümkonzepte für die Ausstellung neu interpretiert, woraus sich für die BesucherInnen die einmalige Gelegenheit ergibt, ein eigenes – im Schlemmer’schen Sinne – Maschinengefühl zu entwickeln. Denn der individuelle, menschliche Körper geht in den wuchtigen Kostümen unter und so kostümiert sind die organischen Bewegungen klassischer Balletttänzer schier unmöglich. Filmausschnitte des bekannten Triadischen Balletts bestätigen: Die Mensch-Maschine-Tänzer treten als in Bewegung gesetzte abstrakte Formen und Farben auf. Behäbig heben und senken sie sich, schieben sich vor-, rück- und seitwärts.

Die Bühne diente Schlemmer und Co. als Labor, in dem die Umweltbedingungen als Variablen angepasst werden konnten. Licht, Ton, Bewegungen und Farben wurden reduziert, Formen abstrahiert. Diese isolierten Mensch-Raum-Maschine-Experimente waren kein Unterhaltungstheater, sondern ambitionierte Forschung zu Fragen nach der Wahrnehmung des Raumes angesichts der Elektrifizierung der Städte oder der Bedeutung einer sich wandelnden Geräuschkulisse durch die rapide Maschinisierung.

Für Juni 2014 ist eine Neuaufführung des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer in München und Berlin als Kooperation zwischen dem Bayerischen Staatsballett und der Akademie der Künste geplant. Spannend wird, ob diese Tänze nicht eher wie aus grauer Vorzeit wirken. Ist es nicht längst Usus zu sagen, wir sind zu Mensch-Maschinen geworden, werden technische Geräte doch immer smarter, schmiegen sich manchmal sogar unsichtbar an unseren Körper an. Nur ist der Tanz heute nicht behäbig und skulptural, sondern schwebend leicht.

 

»Mensch-Raum-Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus«.
Bis 21. April 2014 am Bauhaus Dessau

 

Fotonachweise:
Das Triadische Ballett, Inszenierung von Oskar Schlemmer, Neufassung von Gerhard Bohner 2014. Tänzerin: Colleen Scott, Foto © Gert Weigelt
Der Bau als Bühne, Inszenierung von Oskar Schlemmer, 1928. Foto von Erich Consemüller © Stiftung Bauhaus Dessau