Im Hartware MedienKunstVerein (HMKV) in Dortmund ist bis zum 24. September 2017 die Ausstellung „Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus / The Brutalism Appreciation Society“ zu sehen.Stefanie Roenneke sprach mit Inke Arns, Leiterin des HMKV und Kuratorin der Ausstellung.

„Blocked Delivery II“, 2017, EVOL / Courtesy of the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Hannes Woidich

Text: Stefanie Roenneke, Fotos: Hannes Woidich/HMKV

Vor zehn Jahren habe ich nach einem Abend in Düsseldorf folgenden Satz in mein Notizbuch geschrieben: „Der Salon des Amateurs wird von der Kunsthalle erdrückt.“ So erscheint es mir immer noch, wenn ich am Grabbeplatz stehe und auf das monolithische Gebäude blicke, das sich durch seine rohen Außenwände aus Betonplatten kennzeichnet. Im Gegensatz zu vielen anderen Architekturen gehört die Kunsthalle Düsseldorf zu den genutzten und gut erhaltenen Beispielen für den brutalistischen Stil in Nordrhein-Westfalen. Der radikale Architekturstil ist in den 1950er Jahren in Großbritannien entstanden und charakterisiert sich durch die Betonung auf die Konstruktionen und auf das rohe Material, vornehmlich Beton.

Zahlreiche Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, Parkanlagen oder Kirchen, die bis in die 1970er Jahre entstanden sind, stehen jedoch leer, verfallen und sind vom Abriss bedroht. Selten ergeht es den Gebäuden hierzulande wie dem 31-stöckigen Trellick Tower in London. Der einstige soziale Brennpunkt wurde wieder als lebenswert begriffen, nachdem die Architektur gewürdigt und somit in das Gebäude investiert wurde.

Parallel zum vorherrschenden Moment des Verfalls und Abrisses wird der Brutalismus in Gruppen wie „The Brutalism Appreciation Society“ auf Facebook oder „This Brutal House“ auf Twitter von einer wachsenden Community geschätzt – ob nun als künstlerische Strömung, als Reaktion auf eine Überästhetisierung, eine Wiederentdeckung des Gemeinschaftlichen gegenüber dem Individuellen, oder als Protest gegen eine Moderne, die in für die Mehrheit unerreichbare Türme aus Glas und Stahl gemündet ist, zu denen das Seagram Building von Mies van der Rohe als Meilenstein ebenso gehört wie der Trump Tower.
Diese neue Auseinandersetzung gab den Impuls für die Ausstellung „Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus / The Brutalism Appreciation Society“ im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein (HMKV). Gezeigt werden 21 internationale künstlerische Positionen, die existierende brutalistische Gebäuden fokussieren, sich mit dem Material auseinandersetzen, Strategien der Aneignung präsentieren oder mit spekulativen und fiktiven Elementen arbeiten. Auseinandersetzungen mit dem sozialen Wohnungsbaus gehören ebenfalls dazu. Die österreichische Künstlerin Aglaia Konrad untersucht mit ihrer Kamera zwei Klassiker des Genres: Die von Fritz Wotruba erbaute Kirche der Dreifaltigkeit in Wien und die von Claude Parent und Paul Virilio gebaute Kirche Sainte-Bernadette du Banlay in Nevers. Philip Topolovac dokumentiert Lüftungsschächte der Prager U-Bahn und nutzt diese als Ausgangspunkt für seine retrofuturistischen Skulpturen. Tobias Zielony beobachtet Jugendliche, die in der neapolitanischen Hochhaussiedlung Vele di Scampia abhängen, Darco FBI präsentiert Graffitis und Bettina Allamoda spannt eine zarte Stoffbahn zwischen einige der tragenden Säulen im HMKV. Unter den präsentierten Arbeiten befindet sich auch eine Auswahl von Beiträgen aus der namensgebenden Facebook-Gruppe.

„Luftschachtstudien I-IV“, 2012 und „Luftschächte der Prager Metro“, 2012, Philip Topolovac / Courtesy of the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Hannes Woidich

Haben Sie eine positive Beziehung zu Beton?
Es ist ein sehr ehrlicher Baustoff. Er hat viele Vorteile, wenn man ihn richtig einsetzt. Im Wallfahrtsdom in Velbert-Neviges, der von Gottfried Böhm gebaut wurde, habe ich blau gefärbten Beton gesehen. Der Beton war nicht angestrichen, sondern durchgefärbt. Das sieht ziemlich cool aus. Ich war noch nie in einer so schönen Kirche. Böhm hat viele brutalistische Gebäude in Nordrhein-Westfalen gebaut, auch viele Kirchen in Köln.

Die Ausstellung steht in engem Bezug zu der gleichnamigen Facebook-Gruppe „The Brutalism Appreciation Society“. War diese Gruppe auch ihre erste Auseinandersetzung mit Brutalismus?
Ich bin seit ein paar Jahren Mitglied dieser Facebook-Gruppe. Mich hat zunächst ihr Name sehr fasziniert, und wie sich die Mitglieder über Brutalismus ausgetauscht haben. Ich fand die Begeisterung für den allgemein sehr unbeliebten Architekturstil besonders interessant. Mittlerweile hat die Gruppe weltweit über 50.000 Mitglieder.

Es gibt außerhalb dieser Grupppen zudem eine verstärkt akademische Auseinandersetzung, zusätzlich erscheinen opulente Bildbände.
Auch das Deutsche Architekturmuseum, mit dem wir ursprünglich parallel gehen wollten, bereitet eine große Ausstellung zum Thema vor, mit dem sprechenden Titel „SOS Brutalismus“. Die Arbeiten von Philip Topolovac gehen übrigens vom HMKV direkt ins Deutsche Architekturmuseum. Sie werden in die Sammlung aufgenommen.

Woher kommt diese Begeisterung? Sie wird oft als Reaktion auf eine durchdesignte Welt verstanden, als Reaktion auf Künstlichkeit und Überästhetisierung. Würden Sie dem zustimmen?
Ich glaube, es ist eine Reaktion auf Überästhetisierung. Aber es ist auch eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftsutopischen Ideen, die hinter den Gebäuden stehen. Es gibt natürlich Architekten, die private Wohnhäuser im brutalistischen Stil für sehr reiche Leute gebaut haben. Aber es gibt zahlreiche Gebäude, vor allem in Großbritannien, die sehr stark im sozialen Wohnungsbau verankert sind.

Der Trellick Tower in London wird oft als Beispiel genannt.
Ja genau. Und ich glaube, damit waren Wohnutopien und gesellschaftliche Utopien verbunden. Es war der Versuch, eine andere Architektur zu gestalten und einen anderen Umgang mit dem Material zu praktizieren, eine gewisse Materialehrlichkeit.

„Subterannean Vs. Azurastadt“, 2013, Nicolas Moulin / Courtesy of the artist; Galerie Valentin, Paris / Foto: Hannes Woidich

Mittlerweile werden viele Beispiele dieses Architekturstils als Ausdruck einer fehlgeschlagenen Utopie angesehen. Hat sich in der Planung der Ausstellung herausgebildet, warum viele brutalistische Gebäude so stark vernachlässigt wurden. Liegt es am Baustoff, dass die Gebäude als Störer wahrgenommen werden oder an einer falschen Nutzung?
Vor einigen Tagen habe ich eine Tour durchs Ruhrgebiet gemacht und mir sehr viele Gebäude angeschaut. Wir haben hier zwar keine Reinformen des Brutalismus, aber einige Großsiedlungen, die wahnsinnig gut gebaut sind. In der Girondelle-Siedlung in Bochum sind mir zum Beispiel die großartig gestalteten, von Tageslicht durchfluteten Treppenhäuser aufgefallen – das Gegenteil eines Angstraums. Während der Tour habe ich mich ich oft gefragt, warum sind die Gebäude trotzdem so runtergekommen. Ich glaube, es liegt an einer homogenen Bewohnerstruktur, und an bestimmten Bevölkerungsschichten, die darin leider abgeschoben werden. Es gibt keine Durchmischung mehr, was auch der Entwicklung in unserer Gesellschaft entspricht. Das ist tragisch. Ich habe mir auch das Habiflex in Wulfen angeschaut. Ein geniales Gebäude, das seit Jahren leersteht. Ein Aushängeschild eines experimentellen Bauens und einer radikalen gesellschaftlichen Idee. Leider hat die Idee nie funktioniert. Das Habiflex ist leider zu einem Angstraum geworden. Es wurden sogar die Türen zugemauert. Dennoch habe ich vor vielen Gebäuden gestanden und mir gedacht: So etwas traut sich heute keiner mehr.

Wollten Sie diese Ideen und die Radikalität mit der Ausstellung aufzeigen?
Ausgangspunkt für die Ausstellung waren die verschiedenen Initiativen, die es in den Sozialen Medien gibt. Die „Brutalism Appreciation Society“ hat sich ja interessanterweise vor genau zehn Jahren gegründet, also zu einem Zeitpunkt, an dem Betongebäude aus den 1950er/1960er Jahren Risse bekommen hatten. Da generell diese Art von Architeltur nicht sehr beliebt ist, wird sie auch nicht für schützenswert gehalten, und es wurde viel und sehr schnell abgerissen und gesprengt. Wir wollen den Blick auf solche Architekturen lenken, und dass einiges davon erhaltenswert und Teil unseres kulturellen Gedächtnisses ist.

Wie sind Sie neben der Facebook-Gruppe auf KünstlerInnen aufmerksam geworden?
Eine Ausstellung hat immer einen längeren Vorlauf. Man hat das Thema quasi im Hinterkopf, wie einen Suchfilter. Und dann findet man immer wieder Künstler, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Man redet auch viel mit KünstlerInnen und KollegInnen. Über Nicolas Moulin, einen der teilnehmenden Künstler, bin ich dann zum Beispiel auf Aglaia Konrad aufmerksam geworden. Mit ihr habe ich Filme ausgewählt, die zu unserer Ausstellung passen.

Nicolas Moulin spinnt mit seiner Installation einen Plan des deutschen Architekten Herman Sörgel weiter.
Der Architekt Hermann Sörgel wollte in den 1920er Jahren mithilfe eines gigantischen Staudamms an der Meerenge von Gibraltar das Mittelmeer absenken, um an den Küsten Land zu gewinnen und eine Landbrücke zwischen Europa und Afrika herzustellen. Diese Idee spinnt Moulin weiter, indem er eine neue Hauptstadt für diesen Kontinent vor der Küste von Tanger entwirft. Die Gebäude dieser neuen Hauptstadt sampelt er aus allen möglichen futuristischen Architekturen. Manchmal meint man, dystopische Science-Fiction-Szenarien zu erkennen. Ich finde es sehr interessant zu sehen, dass der Brutalismus als architektonische Strömung, die in den 1950er Jahren entstanden ist, heute in das kollektiv Unbewusste übergangen zu sein scheint.

Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus / The Brutalism Appreciation Society
bis 24. September 2017
Hartware MedienKunstVerein
im Dortmunder U
Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund
hmkv.de

Zu den Fotos:
„Blocked Delivery II“, 2017, EVOL / Courtesy of the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
„Luftschachtstudien I-IV“, 2012 und „Luftschächte der Prager Metro“, 2012, Philip Topolovac / Courtesy of the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
„Subterannean Vs. Azurastadt“, 2013, Nicolas Moulin / Courtesy of the artist; Galerie Valentin, Paris