#100 | Zur 100. Ausgabe und zur Pause von »Stadt um zehn« diesmal keine Links, sondern zehn Zitate, zufällig ausgewählt.


»In Berlin
I went to school
I painted
I skated
I adored gay uniforms
I thought they conatined superforms
Though they did not quite conform
To my beauty norm
The Belvedere Apollo«
In Berlin, Florine Stettheimer

»Um zwölf Uhr mittags drängen sich die Menschen aus ihren Arbeitsräumen, die Omnibusse und Tramwagen stauen sich, Polizisten stehen auf den grossen Plätzen und regeln mit weissen Handschuhen den Verkehr; Radfahrer schiessen zwischen den Wagen hindurch, die in langer Reihe vor einer Kreuzung stehen, immer neue Ströme von Menschen dringen aus geöffneten Türen, eilen die Treppen hinunter und mischen sich auf den Bürgersteigen mit der rastlos vorbeziehenden Masse.«
Freunde um Bernhard, Annemarie Schwarzenbach

»Akhbar dachte an den Vorabend zurück. In der Tageshitze lag die gleiche erstickende Hoffnungslosigkeit wie in der Abenddämmerung. Das lag nicht am Klima, sondern an etwas anderem, das durch das Klima erst sichtbar wurde.
Die wenigen Frauen, die noch unterwegs waren, mussten sich auf der Straße wie Flecke fühlen, die es sofort auszuwischen galt, denn sie hasteten dahin und suchten in der Luft keine Spuren zu hinterlassen und wollten ihre Anwesenheit nicht in einen Anblick und ihren Anblick nicht in eine Bürde verwandeln. Man merkte ihnen den Eifer an, nicht nur der Hitze zu entfliehen, sondern gänzlich von der Bildfläche zu verschwinden. In jenem drückenden Klima, in dem sogar eine aufgewirbelte Staubwolke lange brauchte, um sich zu legen, wollten sie so schnell wie möglich weiter. Während die Frauen sich jahrhundertelang geschmückt hatten, um gesehen zu werden, versuchten sie nun vielmehr, sich unsichtbar zu machen.«
Tschador, Murathan Mungan

»Nachts glüht unter mir die geometrische Unendlichkeit aus parallel verlaufenden und rechtwinklig kreuzenden Straßenzügen. Dann herrscht eine sonderbare Stille, die noch verstärkt wird durch die unzähligen Lichter, die sich am Himmel und auf den Freeways geräuschlos vorwärts bewegen. Die Suchscheinwerfer der Polizeihubschrauber kreisen lautlos über den Häuserblocks, und nur das Heulen der Polizeisirenen ist ganz in der Ferne zu hören. Dann wirkt meine Terrasse wie ein Startrampe in eine künstlich hergestellte Welt.«
Good Morning Los Angeles, Tom Kummer

»Sie gehen hinauf zur Straße, wo wieder einmal über Nacht sämtliche Birnbäume erblüht sind. Selbst um diese Jahreszeit könnte es noch schneien, immerhin ist man in New York, doch im Augenblick stammt das Weiße auf den Straßen von den Blüten, deren Schatten die Bürgersteige tönen. Dieser Augenblick gehört den Bäumen, es ist der Angelpunkt des Jahres – ein paar Tage, und dann liegt alles im Rinnstein.«
Bleeding Edge, Thomas Pynchon

»Sie wissen nicht, dass es ihr letzter Spaziergang in Paris ist. Ihr Dasein hat sich noch nicht abgelöst von der Umgebung: es ist eins mit den Häuserfassaden und den Gehsteigen. Dem Asphalt, der geflickt ist wie ein alter Stoff, sind Daten eingeschrieben, welche die aufeinanderfolgenden Teerungen bezeichnen, vielleicht aber auch Geburten, Rendezvous, Todesfälle. Später, wenn sie sich an diese Periode ihres Lebens erinnern, werden sie Kreuzungen sehen und Hauseingänge: jeder einzelne Lichtreflex da ist auf sie übergegangen. Sie waren nichts als die in den Farben dieser Stadt spielenden Blasen: grau und schwarz.«
Eine Jugend, Patrick Modiano

»So chaotisch Teheran auch sein mag, zieht man seine Grenzlinie zwischen Nord und Süd, balaye shahr und paine shahr, in Betracht, welche die Wohlhabenden von den Habenichtsen trennt, ist die Stadt klar geordnet, fast pittoresk. Üblicherweise neigt man dazu, die Menschen nicht nur anhand der Hochzeitszeremonien innerhalb ihres Viertels zu beurteilen, sondern auch anhand der Art, wie sie ihren Tee schlürfen oder ihre Augenbrauen zupfen. Es kann schlimmer sein als in London. Sogar als in München.«
Softcore, Tirdad Zolghadr

»Ich gehe herum mit mein Koffer und weiß nicht, was ich will und wohin. Im Wartesaal Zoo bin ich sehr viel. Warum können Kellner so voll Hohn sein, wenn man mal zufällig kein Geld hat?«
Das kunstseidene Mädchen, Irmgard Keun

»Im ausgeräumten Frühstückszimmer einer kleinen verdreckten, von zwei Türken geführten Pension liegen bereits an die zwanzig schlafende Pakistani auf dem Fußboden. Sie haben sich mit Decken und Kleidungsstücken notdürftige Lager bereitet, eng nebeneinander, und wälzen eine erdrückende Luft um, ein Gemisch von stechenden Ausdünstungen, die von Essensresten in Plastiktüten, von Körpern und klammer Kleidung ausgehen, ein unerträglicher Gestank, für Bekker indessen, der am Fremden schnüffelt wie der Ekstatiker am Pilzsud, öffnet sich der ersehnte Dunstkreis der ganz anderen Erde, Haut und Ernährung. […] Er liegt noch für eine kurze, glückliche Besinnung wach auf dem Hinterkopf, versucht sein Asyl, den Schutz des Lagers sowie die Entlegenheit der eigenen Person ganz auszukosten. […] Dann aber geht er zum Telefon und wählt die Polizei. Er meldet sich als der Wirt der Hotelpension ›Utah‹, Utah wie der amerikanische Bundestaat, Oranien-Ecke, Fichtenbergstraße, und gibt an, er habe fünfunddreißig illegale pakistansiche Einwanderer auf seinem Zimmer […].«
Rumor, Botho Strauß

»Er schloss die Augen. Der amerikanische Investor war kein Träumer. Der amerikanische Investor hatte sich nicht umsonst in die Luft erhoben. Nur von dort oben sah er die Welt, wie er sie sehen wollte. Kein Elend, das sich an ihn herandrängt, kein Kind, das etwas forderte, kein Hundehaufen, in den sein Fuß geraten konnte, keine Musik, die er nicht zu hören bereit war. Stattdessen gleichmäßig das Motorengeräusch und hin und wieder ein Blick zu seinem Diener, um ihn heranzuwinken. Siehst du das Licht dort unten, my friend, und fährt es dir genauso ins Herz wie mir? Mein Werk. Mein Beitrag! Ich könnten weinen vor Glück! Was bin ich für eine holde Seele! Nur um Schönheit geht es mir. Dieser Blick, my friend, den ich auch dir immer wieder schenke, ist der Blick eines Malers, der noch ein paar Glanzpunkte setzen will. Nur deshalb ziehen wir so unermüdlich dahin. Nun sieh doch noch mal hinab! Dieses Licht, my friend, dort unten gigantisch, in einen riesigen, hässlichen Bau gefasst, wie mild und süß erscheint es uns hier. Und nun lass uns schnell weiterfliegen, denn mich erwarten wichtigere Vorhaben. Ein Licht werde ich erschaffen, my friend, ein Licht so hell, das es durch die finstere Wolkendecke dringt, ein Licht, my friend, das uns beide für alle Zeit erstrahlen lässt.«
Der amerikanische Investor, Jan Peter Bremer