Hanno Rauterberg widmet sich in seinem Buch aktuellen urbanen Phänomenen, die durch digitale Techniken geprägt werden.

Von Stefanie Roenneke

Hamburg an einem späten Freitagnachmittag im Januar 2014: Mehrere Hundert Menschen versammelten sich auf dem Spielbudenplatz an der Reeperbahn und veranstalteten eine Kissenschlacht. Sie wollten somit gegen die massiven Polizeikontrollen und die eingerichteten Gefahrengebiete demonstrieren. In jenen Hamburger Gefahrengebieten durfte die Polizei jeden Bürger ohne Anlass überprüfen. Nur einen Tag später sollte die nächste Aktion auf dem Paulinenplatz stattfinden. Dieses Mal sollte mit Töpfen, Rasseln oder Trillerpfeifen der Unmut gegen diese Sicherheitsmaßnahme öffentlich gemacht werden, die bis Mitte Januar bestand.

Stadtbewohner finden sich an einem öffentlichen Ort zusammen, formieren sich für eine bestimmte Zeit und intervenieren im städtischen Raum. Diese und andere Beispiele stellt Hanno Rauterberg in Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne vor. Der öffentliche Raum wird bei Street Art, Guerilla Gardening oder Parkour zu einem Ort des Abenteuers. Mal dient dieser bei Facebook-Partys, Public Viewing oder Flashmobs der realen Rückversicherung für das digitale Kollektiv, andere Interventionen üben wiederrum Kritik an der städtischen Gegenwart. Seine vielseitigen Beispiele umfassen sowohl Formen der urbanen Selbstverwirklichung, oder der kurzzeitigen, kollektiven Rückeroberung als auch das langfristige Engagement im städtischen Raum.

Grundlegender Wandel

Dabei interpretiert er diese Ausprägungen nicht nur als ephemere Erscheinungen, sondern als Zeichen für einen grundlegenden Wandel. Dieser beruhe auf dem Einfluss neuer Techniken und insbesondere des Internets. Denn Aspekte der Digitalmoderne hätten das Bewusstsein für die Stadt gewandelt. Dazu gehört sowohl das Kredo der Selbstverwirklichung als auch die Stärkung des Wir in sozialen Netzwerken. Letzteres schließt neugewonnen Aspekte der Kooperation und der Hierarchielosigkeit mit ein. Access ist alles.

Eine besonders wichtige Rolle spielt die Erfahrung der Veränderung. Das Digitale kennt keine abgeschlossene Version – auf 2.0 folgt 3.0 folgt… Das Credo lautet: Umformen, Eingreifen, Aneignen. Doch alle diese Erfahrungen würden sich nicht im städtischen Raum niederschlagen, wenn sie nicht gleichzeitig das Bedürfnis nach einer unmittelbaren Erfahrung oder realen Überprüfung provozieren würden.

Urbanismus von unten

Rauterberg bergreift diese Formen der Beteiligung als eine Bereicherung für den urbanen Raum. Jedoch haben diese oftmals keine langfristigen Veränderungen zur Folge und sind nicht zwangsläufig politisiert. Dennoch stellt dieser »Urbanismus von unten« den Versuch dar, gesellschaftliche Ideale neu zu formulieren und sei zudem ein Zeichen für die Glückssuche jedes Einzelnen im öffentlichen Raum.

Rauterbergs These, dass die Erfahrungen der Digitalmoderne sich auch im städtischen Leben positiv niederschlagen, ist in einer Zeit erschienen, in der die Versprechungen der Digitalmoderne zunehmend infrage gestellt werden. Die Macht des Einzelnen als Akteur schwindet. Daher stellt sich die Frage, wie sich diese negative Erfahrung auf den Akteur im urbanen Raum auswirken wird. Werden die Grenzen und Einschränkungen der Intervention als Herausforderung oder als Grund zum Rückzug interpretiert? Oder wird aus der geteilten Empfindung »Wir sind die Stadt«, dann doch noch ein Schlachtruf? Es bleibt zu hoffen, dass Rauterbergs guter Überblick keinem Abgesang gleichkommt.

 

Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne.
Suhrkamp Verlag Berlin, 2013.
157 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-518-12664-5