© Ronny Behnert, www.bewegungsunschaerfe.de

Die Zukunft ist im 21. Jahrhundert ungewisser denn je – Traditionslinien brechen, Gewohnheiten und Gewissheiten haben immer kürzere Halbwertszeiten, was heute als sicher gilt kann morgen schon überholt sein. Die Zeitwahrnehmung unserer Gesellschaft verändert sich und kurzfristige Entscheidungen gewinnen die Oberhand über langfristige Pläne. Was bedeutet ein solches beschleunigtes Zeitverständnis für die Planung von Städten? Hişar Hüseyin Ersöz wirft für Stadtaspekte einen Blick in die unsichere Zukunft.

 

Was ist Zeit?

Unser Verständnis von Zeit ist eine grundlegende Voraussetzung für planerisches Handeln. Erst eine Vorstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglicht die gedankliche Vorwegnahme zukünftig vorgesehener Handlungen um mögliche, wahrscheinliche, oder auch wünschbare Zukunftsbilder zu entwerfen und dahingehend zielführend zu handeln und zu planen.

Diese Vorstellung von Zeit ist allerdings nicht fixiert oder natürlich gegeben: Zeit hat zwar eine physikalische Dimension, sie ist aber schon immer auch ein soziales Konstrukt gewesen. So hat es in der Menschheits-geschichte von jeher sehr unterschiedliche Zeitauffassungen gegeben. Während beispielsweise buddhistische oder hinduistische Kulturen ein zyklisches Zeitverständnis haben, beruhend auf dem Glauben der ewigen Wiederkehr, hat die Zeit nach christlicher, jüdischer und islamischer Lehre einen Anfang und ist auf ein Endziel ausgerichtet, den Tag der Apokalypse, oder des Jüngsten Gerichts. Das Zeitverständnis der westlichen Moderne, unser Zeitverständnis, ist das einer linear aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft strebenden Zeit. All diesen Zeitvorstellungen ist aber gemein, dass die Zeit – als Maßeinheit für Bewegung und Veränderung – kontinuierlich fortschreitet. Stellt sich jedoch die Frage: in welche Richtung und mit welchem Tempo?

Früher wusste man dies. In der Vormoderne galt: War dein Vater Maurer, wurdest auch du Maurer. Später, im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts, führten Industrialisierung, Bürokratisierung und Disziplinarisierung neben verlässlichen Produktionsabläufen auch zur Etablierung eines statischen Lebenslaufes und einer Normalbiografie. Der Lebensweg von der Kindheit über Schulzeit, Ausbildung, Erwerbsarbeit, Ehe und eigene Kinder bis hin zur Rente war vorhersehbar. Die Zeit verlief in geordneten Bahnen.

Gegenwartsschrumpfung

Heute jedoch befinden wir uns in der Postmoderne. Der Britische Soziologe Antony Giddens beschreibt diese als eine „runaway world“, eine Welt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, in der wir dazu gezwungen sind uns in immer kürzeren Abständen umzuorientieren. Der Jenaer Soziologe Harmut Rosa kommt in seiner umfassenden Studie „Beschleunigung. Die Veränderungen der Zeitstrukturen in der Moderne“ zu dem Schluss, dass in der Beschleunigung der materiellen, sozialen und geistigen Welt ein Grundprinzip der Moderne begründet liegt. Nach Rosa führt die fortwährende Beschleunigung nahezu aller Lebensbereiche zu einer sinkenden Halbwertszeit unseres Wissens. Er beschreibt dieses Phänomen als „Gegenwartsschrumpfung (…) die generelle Abnahme der Zeitdauer, für die Erwartungssicherheit hinsichtlich der Stabilität von Handlungsbedingungen“. Durch die Beschleunigung des sozialen Wandels rückt die absehbare Zukunft immer näher an die Gegenwart heran. Die unaufhörliche Dynamisierung unserer Welt lässt den Planungsbedarf steigen, während jedoch die Reichweite des Planbaren sinkt. Es wird immer mehr eine situative Spielart der Planung nötig. Der planende Zeitmanager der klassischen Moderne wird zu einem postmodernen Spieler, der durch Flexibilität, Spontaneität und Improvisationsvermögen versucht zumindest kurzfristig Zeitsouveränität zu erlangen, um handlungsfähig zu bleiben.

Beschleunigte Stadtplanung?

Das Phänomen der Beschleunigung lässt sich jedoch nicht nur anhand unserer individuellen Gewohnheiten und Handlungen beobachten, es wirkt strukturell auf die Art und Weise, wie sich unsere Gesellschaft organisiert und neu formiert. So schlägt sich die Beschleunigung auch in den Institutionen und Praktiken der Stadt- und Raumplanung nieder. Spätestens seit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park hat sich das Paradigma der Kurzfristigkeit zur wesentlichen Handlungsmaxime der deutschen, wenn nicht gar internationalen Raumplanung entwickelt. Die IBA Emscher Park setzte zwischen 1989 und 1990 mit städtebaulichen, sozialen, kulturellen und ökologischen Projekten Impulse für den Strukturwandel der industriellen Kulturlandschaft in der Emscher-Region und hat die heutige Planungskultur stark geprägt.

Sie etablierte ein auf Mittelfristigkeit orientiertes Prinzip des projektorientierten trial and error, in Fachkreisen betitelt als „perspektivischer Inkrementalismus“, was nichts anders bedeutet als das Fahren auf Sicht. Ein vorsichtiges step-by-step tritt also auch in der Raumplanung an die Stelle des großen Wurfs und ist letztlich Ausdruck einer strukturellen Verunsicherung angesichts unklarer Zukunftsperspektiven. Die Planung ist zunehmend reaktiv, sie verliert ihre gestalterische Rolle und wird immer mehr zum Spielball gesellschaftlicher Halbwertszeiten. Aus der Not wurde Improvisationsvermögen zu einer wertvollen, aber zwingend erforderlichen Tugend.

Für unsere Städte, die sich in ihrer Komplexität mit diversen Unsicherheiten konfrontiert sehen, stellt dies eine existenzielle Bedrohung dar. Das offensichtliche Ende der Planungssicherheits-Illusion – wenn wir ehrlich sind, hat es sie nie gegeben – muss allerdings nicht einem Zweifel an der Daseinsberechtigung der Planung an sich gleichkommen. Ganz im Gegenteil, sie wird dringender gebraucht denn je. Will die Planung aber ihre Rolle als steuernde Instanz zurück erlangen, muss die Improvisation – die im Kleinen durchaus Sinn macht – durch ein stabiles Konstrukt gestützt und in eine ganzheitliche Strategie eingebettet werden. Das bedeutet nichts geringeres, als einen Weg zu finden der verhindert, dass sich Wandel weiter hinter dem Rücken der Akteure vollzieht, und zu verhindern, dass unsere Städte, als Schiffe ohne Steuermann, planlos ins Nirgendwo abgleiten.