Das Antje Øklesund in Berlin Friedrichshain ist Projektraum, Vereinsheim und Veranstaltungsraum mit Tradition in der Berliner Subkultur. Stadtaspekte feierte dort Anfang des Jahres den Release der dritten Ausgabe – doch dem Kulturzentrum droht durch Immobilien-Investoren eine einschneidende Veränderung. Wie es weitergeht und vor welchen Herausforderungen alternative Kultureinrichtungen heute stehen, erzählen Sascha und Hajo vom Verein Stadtraumnutzung e.V..

von Sven Stienen

Antje Øklesund ist ein Veranstaltungsort, aber gleichzeitig auch ein Verein – was steckt dahinter?
Es ist eine Konstruktion, wie sie hier in der Stadt sehr verbreitet war: Wir haben als Künstler, Musiker und Kulturschaffende auf Vereinsbasis einen eigenen Projektraum etabliert, einen Raum für Vereinsmitglieder und Freunde. Das mit den Veranstaltungen hat sich parallel dazu entwickelt und ist in den letzten zehn Jahren immer größer geworden. Es ist bis heute ein Spagat, weil unser Selbstverständnis seine Wurzeln noch immer im Verein hat, aber vieles mittlerweile auf einer sehr professionelle Ebene abläuft.

Hat Antje Øklesund ein festes Programm?
Nein, wir haben kein festes Programm. Bestimmte Veranstaltungen und Bands kehren wieder, wie unsere Hausband, aber es wechselt auch häufig. Es ist auch von Jahr zu Jahr unterschiedlich, je nachdem wer mitarbeitet. Vieles läuft bei uns ehrenamtlich und es ist ganz normal, dass Leute abspringen und neue hinzukommen. Darüber denken wir zur Zeit viel nach: Wie lassen sich Ideen transformieren und unsere personellen Strukturen auf eine andere Ebene heben, ohne dass wir unseren Spirit verlieren?

Gibt es noch anderen Output von euch, außer Antje Øklesund?
Aus dem Verein ist das Produktionsbüro Kollegen 2,3 hervorgegangen. Das Büro arbeitet aber sehr eng mit dem Verein zusammen, es gibt personelle und inhaltliche Überschneidungen. Wir professionalisieren Ideen, die wir bei Antje Øklesund entwickeln, bringen sie nach draußen und suchen dafür externe Finanzierung. Ein Beispiel ist die Installation Wohnzimmer 2.0. Das ist eine mobile Kunstinstallation, eine Multimedia-Kiste, die man bespielen kann und die nach außen vernetzt ist. Man kann reingucken, beobachten und beobachtet werden. Eine erste Version haben wir das vor einigen Jahren bei Antje Øklesund gebaut und neben Einsätzen im eigenen Haus auch bei Festivals wie Down by the River oder beim Camp tipsy aufgestellt. Zuletzt haben wir im Auftrag des Bezirks Mitte eine zweite Version für Interviewsituationen gebaut. Die ist jetzt in der Stadt unterwegs und wir machen mit ihr die Videoreihe BandStadtWohnzimmer

Ihr seid in Friedrichshain verwurzelt – versteht ihr euer Schaffen auch als Kiezarbeit?
Ja, das gehört auch zu unserem Selbstverständnis. Wie der Name Stadtraumnutzung e.V. ja bereits andeutet, hat unser Schaffen viel mit dem Ort zu tun; wir wollen immer rausgehen, mit den Nachbarn in Kontakt kommen. Uns ist es wichtig, dass unsere Projekte auch irgendwo angedockt sind und den Stadtraum abbilden.

Steht für euch der Kiez im Mittelpunkt oder arbeitet ihr in dem Bewusstsein, dass auch Berlin als Ganzes davon profitiert, wenn die Kultur in den Kiezen stark ist?
Beides, denn die Doppelstruktur ist ganz entscheidend: Einerseits ist ein starker Ortsbezug wichtig, bei dem sich die Arbeit inhaltlich am Ort orientiert, sich von ihm inspirieren lässt und auf ihn wirkt; gleichzeitig ist aber auch die Rückkopplung in größere Zusammenhänge wichtig, durch die man auch Leute erreicht, die nicht aus dem direkten Kiez kommen. Wir machen keine klassische soziale Kiezarbeit, die sich auf Themen und Probleme auf der Straße vor der eigenen Haustür beschränkt, sondern wir wollen auch, dass daraus Ideen entstehen, die für andere nutzbar sind. Es ist eine spannende Herausforderung, Formate, die man an einem bestimmten Ort entwickelt hat, künstlerisch an andere Orte anzupassen und damit weiter zu entwickeln.

Berlin gilt momentan als eine der coolsten Städte weltweit – ein Verdienst der Alternativkultur?
Die Alternativkultur in ihren vielen Facetten hat jedenfalls einen großen Einfluss darauf gehabt. Ihrem Beitrag wird in Berlin ja auch Rechnung getragen. Wir merken sehr deutlich, dass unsere Kulturarbeit wertgeschätzt wird. Wir sind bei Antje Øklesund in einem Umstrukturierungsprozess und verhandeln seit einigen Jahren mit Investoren. Der Bezirk unterstützt uns dabei schon lange tatkräftig. Friedrichshain-Kreuzberg ist Vorreiter einer gewissen Laissez-faire-Kultur in Bezug auf vorhandene Freiräume und deren Nutzung und das Resultat ist das, was in den letzten zehn Jahren aus der Subkultur hier entstanden ist.

Ist diese Laissez-faire-Haltung eine Berliner Eigenheit oder hauptsächlich in Friedrichshain/Kreuzberg verbreitet?
Dieses Entgegenkommen ist schon ein spezifisches Berliner Ding, weil man hier auch den Wert der Kultur an sich und im Besonderen der Subkultur realisiert hat. Das begann spätestens mit Wowereits berühmten Ausspruch, dass Berlin »arm aber sexy« sei. Und innerhalb von Berlin hat Friedrichshain/Kreuzberg noch mal eine Sonderrolle, weil es ein Bezirk ist, der strukturell davon lebt. Es gibt außerdem keinen weiteren so grün und alternativ regierten Bezirk in Deutschland, das merkt man natürlich auch. Die Freiräume, die es hier bis heute gibt, haben Früchte getragen.

Dennoch gibt es große Probleme. Investoren drängen auf den Immobilienmarkt, Freiräume schrumpfen – wird der Druck auch auf euch größer?
Der Druck wird definitiv größer. Die Verdrängung aus dem Innenstadtbereich ist derzeit ein Thema, das alle hier berührt und beschäftigt. Man merkt, dass diese unglaublich intensive Bautätigkeit sehr anstrengend für die Anwohner ist und auch viel Angst erzeugt – nicht nur bei den Kulturschaffenden. Für die ist es natürlich so, dass Freiräume – sowohl verwaltungstechnisch als auch räumlich – eine wesentliche Voraussetzung für jegliche Entwicklung sind. Dafür kämpfen momentan sehr viele und das macht den Prozess, in dem Antje Øklesund gerade steckt, nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere sehr interessant.

Welchen Prozess meinst du?
Unser Gelände in der Rigaer Straße war eines der ersten bebauten Gelände in dieser Gegend. Im 19. Jahrhundert war hier eine Möbelfabrik die von einem Fabrikanten namens Robert Seelisch betrieben und später von zwei jüdischen Brüdern, Simon und Michael Beiser, übernommen wurde, die beide von den Nazis umgebracht wurden. Die beiden mussten auch das Gelände verkaufen und es wurde in den 90ern an die Erben zurückübertragen. Seitdem stand es zum Verkauf und es haben sich verschiedene Kleingewerbe angesiedelt, Garagen, Ateliers und auch wir mit Antje Øklesund. Vor etwa sieben Jahren wurde das Thema Verkauf erstmals aktuell und wir haben bereits damals eine Interessengemeinschaft gegründet, die sich für den Erhalt der gewerblichen und soziokulturellen Nutzung des Geländes einsetzt. Wir sind dadurch ins Gespräch mit dem damaligen Bezirksbürgermeister Franz Schulz gekommen, der sich sehr intensiv mit Stadtplanungsfragen beschäftigt hat.

Was passierte dann?
2012 wurde das Gelände verkauft, an eine verhältnismäßig große Investorengruppe, die Projekte im Wohnungsbau und entwickelt und die Objekte dann weiterverkauft. Das Gelände ist aber als Gewerbegebiet ausgewiesen und bedarf für die Bebauung mit Wohnungen einer Umwidmung. Die Genehmigung dafür muss der Bezirk erteilen und daher gab es ein gewisses Druckmittel gegenüber den Investoren. Und hier kam es uns zugute, dass wir bereits früh ein gutes Verhältnis zum Bezirk aufgebaut hatten. Denn dort wurde den Investoren gesagt: »Einigt euch mit den Mietern vor Ort und dann reden wir weiter.« Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Friedrichshain-Kreuzberg zu diesem Thema steht – ich denke, das wäre anderswo nicht so abgelaufen.

Wie habt ihr in dieser Situation reagiert?
Wir haben uns als Interessengemeinschaft mit Vertretern der Investorengruppe zusammengesetzt und unsere Vorstellungen und Ideen vorgebracht. Am Anfang waren wir fest davon überzeugt, dass die unsere Vorschläge von vornherein für verrückt erklären würden. Wir haben zum Beispiel vorgeschlagen, das Antje Øklesund und die anderen Räume einfach eins zu eins nach vorn an die Straße zu versetzen und dort einen hufeisenförmigen Hof einzurichten, der für Gewerbe und soziokulturelle Nutzung erhalten bleibt. Erstaunlicherweise haben die Investoren uns nicht für verrückt erklärt und unsere Ideen werden nun zum Teil umgesetzt.
Es gibt aber auch bei uns intern sehr intensive Diskussionen: Kann man Subkultur überhaupt so mitnehmen? Der Kristallisationspunkt ist dabei immer wieder die Frage, ob man weitermachen und versuchen soll, etwas Neues aus der Situation zu machen, oder ob man dem Viertel den Rücken kehrt, wie es andernorts bereits vielfach geschehen ist. Wir sind uns auch heute keineswegs sicher ob es der richtige Weg ist, aber letztendlich ist die Entscheidung gefallen, dass wir bleiben und es versuchen wollen.

Das heißt aber zunächst, dass es Antje Øklesund in gewohnter Form bald nicht mehr geben wird?
Ja und zwar recht akut – der angepeilte Termin für den Baubeginn war bis vor kurzem der Sommer 2015 und wir hatten geplant, nach der Sommerpause mit neuen Bespielungsformaten und Orten auf dem Hof zu experimentieren und diesen noch mehr für die Nachbarn zu öffnen. Es verschiebt sich aber von Investorenseite wieder alles nach hinten und wir können erstmal noch ein paar Monate bleiben. Die nutzen wir vor allem zur Konservierung und Dokumentation mithilfe von künstlerischen Mitteln. Unsere klassische, gewohnte Nutzung endet mit einer Abschlusswoche ab dem 15. Juni.

Aber es kommt etwas neues …
Genau. Zum einen planen wir gerade eine Zwischennutzung, bei der wir eine Art Containerstadt aufbauen wollen und quasi zur Baustellenbesichtigung aufrufen. Und zum anderen wird hier ein Kulturhof entstehen, inklusive eines Veranstaltungs- und Projektraums. Das soll wie Antje Øklesund werden, mit Kiezbezug und öffentlichen Veranstaltungen. Das ist wieder das inhaltliche Ringen, bei dem wir versuchen, Inhalte mitzunehmen und gleichzeitig überlegen, wie wir das strukturell am besten machen können.

Trotz des anfänglichen Schocks lief es am Ende also recht gut für euch. Hat eure Lage Modellcharakter für andere Initiativen und Kiez-Situationen?
Es ist erstmal eine gute Lösung. Wir tragen hoffentlich damit dazu bei, dass eine bestimmte Stadtentwicklungspolitik ermöglicht wird. Wir haben uns aber auch gefragt, wie weit Subkultur sich verbiegen kann, um in so etwas noch reinzupassen. Am Ende ist es ein permanentes Abwägen und es wird sich am Ergebnis messen lassen müssen. Der Spirit, den die Stadt vor zehn Jahren hatte und den Antje Øklesund auch mit transportiert hat, der schwindet heute. Der Charme einer alten Fabrik lässt sich nicht auf einen Neubau übertragen, da machen wir uns keine Illusionen. Aber vielleicht kann man ein paar Elemente architektonisch übertragen, das schwebt uns vor. Und natürlich der ganz einfache Aspekt, dass wir uns mit unserer Art der Kultur nicht an den Stadtrand verdrängen lassen wollen. Wir bleiben im Zentrum.

Bei aller berechtigten Kritik am kapitalistischen Druck auf die Städte und den damit einhergehenden Veränderungen, ist dennoch klar, dass eine Stadt kein statischer Raum ist und auch die Alternativkultur stagnieren kann – irgendwann sind alle alten Fabriken als Kulturstätten etabliert und alle Gegenkultur wird zum Mainstream. Ist das was derzeit bei euch passiert ein Reifeprozess, in dem eure Alternativkultur das Anarchische verliert und sich neue Strukturen geben muss, um zu überleben?
Darüber diskutieren wir selbst sehr intensiv, unter anderem in unserem aktuellen Projekt »Zur Transformationen des Alternativen«. Bei alternativen Projekten und Initiativen kann man in der Regel von einer Halbwertszeit von fünf bis acht Jahren ausgehen, dann ist bei vielen die Luft raus. Dann muss es einen nächsten Schritt geben – programmtechnisch, strukturell oder auch räumlich – und das Projekt muss verstetigt werden. Es ist doch besser, einen echten Schnitt zu machen, sich neu aufzustellen, neu zu erfinden, als 30 Jahre lang immer dieselben Parties zu machen. Kultur hat in sich schon diese begrenzte Lebensdauer, sie lebt vom Vorläufigen, vom Pop-Up, das sich immer wieder verändert und bisweilen auch wieder verschwindet. Ein gutes Beispiel ist die Bar 25 – die haben als Feier-Club angefangen und heute geht es da um Kinder, Familie und Möhrchen anbauen.

Seid ihr vor dem Hintergrund eurer Erfahrungen optimistisch, dass die alternative Kultur dem Druck standhält und die Transformation gelingt?
Wir sind ein positiv denkende Menschen und sehen auch die großen, viel beschworenen Bedrohungsszenarien von Underground und Subkultur nicht. Es gibt zwar Bedrohungen und Probleme, aber die verschwinden auch wieder oder es entsteht etwas Neues. Und Subkultur verändert sich ständig, man denke etwa an das ganze DIY-Prinzip, das mittlerweile selbst in den großen Baumarktketten angekommen ist. Das ist eine Idee aus der Subkultur und die hat so eine Strahlkraft entwickelt, dass sie mittlerweile in der ganzen Gesellschaft verbreitet ist – darüber kann man sich doch freuen.