Die Moderne hat der Stadt den Menschen ausgetrieben – mit diesem Paukenschlag beginnt der dänische Dokumentarfilm »The Human Scale« seine Reise durch den fehlgeleiteten Städtebau des letzten Jahrhunderts, hin zu den urbanen Katastrophen, die sich gerade in Asien, Afrika und Amerika zusammenbrauen. Seine Stars sind keine Schauspieler, sondern Plätze, Gassen und Straßen, die das Team um den dänischen Stadtplaner Jan Gehl wieder einem menschlichen Maßstab anpassen soll. 

 

 

Von Benedikt Crone

Bevor es jedoch zum Rettungseinsatz der dänischen Urban Task Force kommt, muss der Zuschauer eine erschütternde Bestandsaufnahme über sich ergehen lassen. Im Zeitlupen-Tempo wird ihm vor Augen geführt, was Planer/innen heute als bedauerliches Ergebnis, aber ja eigentlich gut gemeintes Fehlverhalten ihrer durch Krieg und Rationalismus geschädigten Eltern- und Großelterngeneration abtun. In Interviews wiederholen sie neben Wissenschaftler/innen, Politiker/innen, und Bewohnern ihre Warnungen, bis auch der letzte im Saal verstanden hat: Schluss mit den großen Plänen, Schluss mit der Funktionstrennung und vor allem weg mit dem Auto, dem Monster auf vier Rädern, das unseren Städten mit dem Vakuum der Verkehrsschneisen und Autobahntrassen die Luft zum Atmen raubt. Stattdessen soll aus dem Time Square endlich ein Platz werden und die Seitengasse einer chinesischen Megacity weiterhin ein beliebter Treff- und Begegnungsort bleiben.

 

 

Die Schauermärchen über den Untergang der Großstadt – klingen sie im Film noch so pathetisch – sind keineswegs übertrieben, sondern treffen die Probleme der weltweit wachsenden Agglomerationen im Kern. Ein Glück, dass Filmemacher Andreas M. Dalsgaard das Thema endlich aus den Fachkreisen und hinein in die Kinos holt. Dass er den Zuschauer nach dem Horrortrip nicht wieder ratlos in die Großstadtwüste entlässt, sondern die Ideen des dänischen Büros um Jan Gehl als Ausweg anbietet, ist zu begrüßen. Nicht immer aber gelingt es ihm dabei, den faden Beigeschmack eines Werbefilms zu vermeiden. Schließlich gehören die Tipps und Tricks, die wir von den Dänen zu sehen bekommen, längst auch in anderen Planungsbüros zu den üblichen Hausmitteln. Gerade außerhalb Europas lässt der Dokumentationsfilm jedoch an spannenden Beispielen deutlich werden, wo westliche Planungsexpertise helfen und wo die Weltverbesserungsversuche von Kulturfremden scheitern können.

 

 

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Stadtplanung weder alleine am urbanen Schlamassel Schuld ist – noch die einzige Rettung sein kann. So hatte das Gehl-Team für die neuseeländische Großstadt Christchurch, deren Zentrum nach dem starken Erdbeben 2010 wieder neu aufgebaut werden soll, zusammen mit den Bewohnern eine fußgängerfreundliche Stadt nach europäischem Vorbild geplant. Doch die Lokalpolitik holte plötzlich einen alternativen B-Plan aus der Schublade, der nun Realität werden soll und wenig mit dem ersten Plan gemein hat. Die Begründung des Bürgermeisters: Der neue Plan würde den Geschmack der örtlichen Wirtschaftsgrößen besser bedienen.

 

Ab 31. Oktober im Kino

The Human Scale / Trailer: thehumanscale.dk/trailer/ / Regie: Andreas M. Dalsgaard / Produktion: Final Cut for Real / 77 Minuten / Dänemark / Sprachen: Dänisch/Englisch