Das Lenné-Dreieck lag westlich der Berliner Mauer, gehörte politisch aber zur DDR. 1988 besetzten mehrere hundert Menschen das Stück Land in der Nähe des Potsdamer Platzes und sorgten für Verwirrung – in Ost wie West.

Von Jesse Coburn
Übersetzung aus dem Englischen Anneke Lubkowitz

Zwischen-der-Mauer-1_Foto©Umbruch-Bildarchiv

An einem milden Sommermorgen vor 25 Jahren stand Frank*, ein Offizier des Ost-Berliner Grenzschutzes, auf dem so genannten Todesstreifen nahe dem Potsdamer Platz und blickte Richtung Berliner Mauer. Auf der anderen Seite, im Westen, waren Hunderte von Menschen, die dort auf der überwucherten Brachfläche in Zelten und Hütten kampierten, gerade dabei aufzuwachen. Seit fünf Wochen schon hielten sie das Lenné-Dreieck besetzt, das, obwohl es westlich der Mauer lag, formell zur DDR gehörte. Wegen dieser territorialen Unstimmigkeit waren den West-Berliner Behörden bis zu diesem Morgen rechtlich die Hände gebunden gewesen. Nun aber war ein Gebietstausch in Kraft getreten und das Lenné-Dreieck war an West-Berlin übergegangen – die Behörden konnten das Gelände räumen.

Kurz vor fünf Uhr wurde Frank über Funk informiert: »Die Polizei kommt.« Grenzer, die auf dem Brandenburger Tor positioniert waren, hatten unzählige West-Berliner Polizeifahrzeuge die Straße des 17. Juni herabströmen sehen. Es hatte Gerüchte gegeben, aber Frank war sich nicht sicher, wie sich die Konfrontation abspielen würde. »Was wirklich passiert, wusste niemand«, erinnert er sich in einem Interview. Plötzlich tauchte eine Handvoll Besetzer oben auf der Mauer auf. Ein Kollege von Frank forderte sie auf, zurückzugehen, aber immer mehr Menschen kletterten empor. Die Grenzer folgten ihren Anweisungen und halfen den Aktivisten von der Mauer in den Todesstreifen – fast zweihundert Personen in weniger als 20 Minuten.

Frank beobachtete noch, wie Transporter die spontanen Flüchtlinge durch die leere Weite des Todesstreifens Richtung Ost-Berlin fuhren. »Es ist endlich vorbei«, dachte er und ging nach Hause, um zu duschen.

Archipel einer Stadt

Die Probleme rund um das Lenné-Dreieck nahmen schon 1920 ihren Anfang. Als Teil einer expansiven Neueinteilung der Stadtbezirke ordnete das Groß-Berlin-Gesetz die schmale Landspitze zwischen dem Potsdamer Platz und dem Tiergarten, die an Berlins berühmten Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné erinnerte, dem neuen Bezirk Tiergarten zu. 18 Jahre später wurde die Fläche – mittlerweile ein Wohngebiet für Bessergestellte – in einer nachträglichen Veränderung des Grenzverlaufs wieder dem Bezirk Mitte zugeteilt.

Peter Joseph Lenné (1789–1866) stammte ursprünglich aus Bonn und war im 19. Jahrhundert eine zentrale Figur der Grünflächen- und Stadtplanung Preußens. Als Landschaftsarchitekt und Gartenkünstler gestaltete er unter anderem den Park des Potsdamer Schlosses Sanssouci um, als Stadtplaner prägte er die rasant anwachsende Stadt Berlin mit imposanten Sichtachsen und einem Ausbau der Wasserstraßen. Seit 1965 vergibt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt in Berlin jährlich den Lenné-Preis, der als einer der weltweit bedeutendsten Nachwuchs-Preise für Landschaftsarchitektur gilt.

Diese behördlichen Verfügungen erwiesen sich als folgenreicher als man es damals hätte ahnen können. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die Alliierten die Stadt entlang der Bezirksgrenzen auf und das Lenné-Dreieck wurde Teil des sowjetischen Sektors. Allerdings wurde es an zwei Seiten vom Britischen Sektor begrenzt, was die ostdeutschen Behörden 16 Jahre später dazu veranlasste, die Mauer entlang der Ostseite der Fläche zu bauen.

Das Dreieck war nicht das einzige Gebiet, das durch die Teilung der Stadt von seiner jeweiligen Besatzungsmacht abgeschnitten wurde. Zu West-Berlin gehörten ein Dutzend kleine Parzellen, die jenseits der Mauer lagen. Wenn West-Berlin eine Insel war, bildeten diese Exklaven seinen Archipel, eine Kette von Mikro-Kolonien, die vollständig voneinander isoliert im Land Brandenburg verteilt waren.

Ein Jahrzehnt nach dem Beginn des Mauerbaus machten sich beide Seiten daran, diese Widersprüche zu beseitigen. Während einer Reihe von Verhandlungen in den 70er und 80er Jahren tauschten West-Berlin und die DDR über 200 Hektar Land – oftmals kaufte der Westen auch. In solchen Verhandlungen in den 80ern bemühte sich West-Berlin um das Lenné-Dreieck, das mittlerweile zu einem Niemandsland geworden war. Seit Jahren hatte der Senat ein Autobahnnetz in Planung, das rund um West-Berlin verlaufen sollte; die so genannte Westtangente sollte direkt durch das Lenné-Dreieck führen. Die Bedingungen wurden im März 1988 vereinbart und das Gebiet sollte offiziell am 1. Juli den Besitzer wechseln.

Aber in fast 30 Jahren relativer Isolierung hatte die Natur das Areal wieder zurückerobert. 1988 bot das Lenné-Dreieck zahlreichen Tier-und Pflanzenarten eine Heimat. Um gegen die Westtangente zu protestieren und diese seltene urbane Wildnis zu schützen, besetzte Mai ein Bund verschiedener Aktivisten das Gebiet.

»Eine solche Chance lässt man sich nicht entgehen«

Der politische Status des Lenné-Dreiecks und seine Implikationen waren den Besetzern nicht entgangen. Das Grenzkommando Mitte räumte die erste kleine Besetzungswelle vom Areal, griff aber nicht wieder ein, als sie Ende Mai zurückkam. Die West-Berliner Behörden konnten nur zuschauen. »Eine solche Chance lässt man sich nicht entgehen«, sagte sich auch Stephen Noë, damals Bezirksverordneter der Alternativen Liste in der Charlottenburger Bezirksversammlung und einer der ersten Besetzer vor Ort.

Die Besetzer richteten sich wohnlich ein. Zelte wichen kleinen Hütten aus Material, das man von umliegenden Baustellen hatte mitgehen lassen. Eine Volxküche wurde eröffnet. Auf einem kleinen Bauernhof lebten Ziegen und Hühner. Für die Aktivisten überraschend, gab es unterstützende Spenden aus ganz West-Berlin. »Da brachten teilweise ältere Berlinerinnen auch mal Kuchen vorbei«, erinnert sich Noë. Die Besetzer erhielten genügend Geldspenden, um Equipment zu kaufen und den kleinen Piratensender Radio Sansibar zu starten. Das Areal wurde von den Besetzern in Norbert-Kubat-Dreieck umbenannt, nach einem jungen Berliner, der während der Mai-Krawalle im Jahr zuvor in Untersuchungshaft genommen worden war und dort Selbstmord begangen hatte.